https://www.faz.net/-gpc-6u3dt

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

Ein syrischer Oppositioneller im Gespräch : „Wir sind gegen eine Militärintervention“

  • Aktualisiert am

Kann das syrische Volk allein durch Demonstrationen - wie hier in Homs am Montag - das Regime stürzen? Bild: dapd

Ghayath Naisse ist Mitgründer des Komitees für die Verteidigung demokratischer Freiheiten und Menschenrechte in Syrien, er lebt im Exil in Frankreich. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht er sich gegen eine Einmischung von außen aus: Nur die Bevölkerung selbst könne das Regime stürzen.

          3 Min.

          Ausländische Politiker warnen vor einem Sturz des syrischen Regimes mit Verweis auf ein Erstarken der Islamisten. Bietet das Regime Assads wirklich ein Bollwerk gegen fundamentalistische Strömungen?

          Das syrische Regime ist kein laizistisches Regime. Es ist vielmehr ein Regime, das die konfessionellen Gegensätze gegeneinander ausspielt. Das ist ein Merkmal, das die Führung in Damaskus mit allen anderen autoritären Regimen teilt. Die Opposition will dieser Diktatur ein Ende bereiten, damit die Bevölkerung endlich in Freiheit leben kann. Diese Chance besteht, und die ganze Region würde davon profitieren – trotz aller Warnungen vor einem islamistischen Regime.

          Das heißt, die Bezeichnung „alawitische Diktatur“ wäre geeigneter, das Regime zu charakterisieren?

          Nein, auch das trifft nicht zu. Natürlich gehören Baschar al Assad und seine Familie der Gruppe der Alawiten an. Aber sie tun nichts, was den Alawiten als religiöser Gemeinschaft nutzen würde. Es befanden sich nie mehr Alawiten im Gefängnis als unter Assad.

          Was unterscheidet die syrische Freiheitsbewegung von den anderen Aufständen in der Region?

          In Tunesien und Ägypten gab es immerhin einen gesellschaftlichen Diskurs darüber, welchen Weg die Länder einschlagen sollten. Die Regime kämpften auch ideologisch um ihren Machterhalt. Das ist in Syrien nicht der Fall, hier herrscht die blanke Diktatur, wie die vielen Toten seit März zeigen. Jede freie Meinungsäußerung wird unterdrückt, es werden keine Freiräume zugelassen, es besteht nicht die Möglichkeit, sich innerhalb des vorgegebenen rechtlichen Rahmens zu organisieren. Außerdem ist Syrien ein Land, in dem es keine Zivilgesellschaft gibt. Die Armee ist vom ersten Tag an gegen die Bevölkerung ins Feld geführt worden.

          Erscheint es da nicht nur logisch, dass Teile der Bewegung sich nun bewaffnen?

          Es ist klar, dass das Regime genau das versucht: Es treibt die Leute dazu, sich zu bewaffnen, nur um das als Argument zu nutzen, gegen sie umso härter vorzugehen. Doch die Opposition hat den friedlichen Weg eingeschlagen, weil sie weiß, dass sie bewaffnet an Rückhalt verlieren würde. Nur weil sie unbewaffnet ist, hat sie den Rückhalt in der Bevölkerung.

          Die Aufständischen in Libyen haben auf bewaffneten Widerstand gesetzt. Wie lange wird sich der gewaltfreie Weg noch aufrecht erhalten lassen, wenn immer mehr Menschen getötet werden?

          Wir hoffen, dass es so bleibt. Aber wir können natürlich die Reaktionen einzelner nicht kontrollieren, die durch den Verlust von Angehörigen betroffen sind. Wenn ein Vater sein Kind verliert, hat er natürlich Wut, die dazu führen kann, sich zu rächen. Das ändert aber nichts am friedlichen Kurs der Bewegung insgesamt. Und auch nichts daran, dass dieses Regime sein Vertrauen längst verspielt hat. Moralisch und in den Medien.

          Hilfe von Außen könnte die Opposition weiter stärken.

          Wir sind gegen eine militärische Intervention. Wir wollen weder eine Einmischung der Türkei noch irgendwelcher anderer Länder. Die haben in den vergangenen zehn Jahren alle Assad unterstützt. Die Bevölkerung allein kann das Regime stürzen.

          In Ägypten gab es zuletzt antiisraelische Proteste. Inwieweit beeinflussen die arabischen Freiheitsbewegungen den Nahostkonflikt?

          Die arabischen Aufstände haben natürlich das Potenzial, den Nahostkonflikt von Grund auf zu ändern. Die Frage ist nur wie. Ägypten etwa war ein Land, das gute Beziehungen zu Israel unterhielt. Auch Syrien hat trotz aller Rhetorik keinen Konflikt mit Israel um die besetzten Gebiete gesucht. Bislang war es so, dass die Regime die außenpolitischen Beziehungen kontrollierten, das ändert sich nun. Der ägyptisch-israelische Friedensvertrag war ein Papier ohne Leben, der aber immerhin einen kalten Frieden gesichert hat und Krieg verhinderte. Die Zukunft liegt viel stärker in den Händen der Bewohner der arabischen Staaten, und das wird sich auch entscheidend auf die weitere Entwicklung des Nahostkonflikts auswirken.

          Hamas und Hizbullah als wichtigste nichtstaatliche Akteure des Nahostkonflikt werden als „Staaten im Staat“ bezeichnet. Wird sich die Bevölkerung irgendwann auch gegen sie auflehnen?

          Wenn es zu einer dritten Intifada kommt, dann gegen die Führungen der palästinensischen Parteien, nicht gegen Israel. Diese Möglichkeit gibt es. Im Libanon sieht es anders aus, weil das Land ein sehr konfessioneller Staat ist. Die Hizbullah vertritt hier nur eine religiöse Gruppe, die Schiiten. Doch auch wenn diese Bewegung noch nicht sehr stark ist, gibt es im Libanon Kräfte, die für den Sturz des konfessionellen Systems kämpfen. Das wäre die eigentliche Revolution im Libanon. Betroffen davon wären die Hizbullah ebenso wie die prowestlichen Kräfte.

          Länger als ein halbes Jahr dauert der Aufstand gegen Assad nun schon an. Wo steht Syrien in weiteren sechs Monaten?

          Nichts wird mehr so sein wie vorher. Trotz der Massaker des Regimes macht die Bewegung weiter, die Demonstrationen nehmen kein Ende. Schon das ist ein Sieg. Deshalb glaube ich, dass ein Ende der Macht in Sicht ist und ein ziviles Regime das bestehende ersetzen kann.

          Weitere Themen

          Im Irak eskaliert die Gewalt

          Unruhen und Massenproteste : Im Irak eskaliert die Gewalt

          Der Konflikt zwischen Staat und Demonstranten im Irak ist außer Kontrolle geraten. Seit Beginn der Proteste im Oktober sind mindestens 390 Menschen ums Leben gekommen. Die Bedeutung der Massenunruhen reicht über das Land hinaus.

          Topmeldungen

          Nächtliche Pressekonferenz: Selenskyj, Merkel, Macron und Putin im Elysée-Palast

          Ukraine-Gipfel : Bewegung in einen versteinerten Prozess

          Der Stillstand sei überwunden, versichern Merkel und Macron nach neun Stunden Verhandlungen. Putin wittert Tauwetter. Doch Selenskyj ist skeptisch: „Mir ist das viel zu wenig.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.