https://www.faz.net/-gpc-qgg1

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

: Die Vergangenheit hinter sich lassen

  • Aktualisiert am

ALGIER, im April. Es gibt alles. CDs von Eminem, U2, Whitney Houston und algerischen Rai. Die Musik, die aus dem Geschäft in einer Nebenstraße der Innenstadt von Algier dröhnt, übertönt den Ruf des Muezzins zum Mittagsgebet.

          ALGIER, im April. Es gibt alles. CDs von Eminem, U2, Whitney Houston und algerischen Rai. Die Musik, die aus dem Geschäft in einer Nebenstraße der Innenstadt von Algier dröhnt, übertönt den Ruf des Muezzins zum Mittagsgebet. Was nicht auf Lager ist, besorgen Musikhändler in der algerischen Hauptstadt in wenigen Tagen - als Raubkopie aus dem Internet. Aber das stört die Kunden nicht, von denen kaum einer älter als zwanzig Jahre ist. So können sich auch Studenten die Musik leisten, die in der Mittagspause in dem kleinen Laden in der Khelifa-Boukhalfa-Straße gespielt wird.

          Riad Boucherf hatte es nie auf die Universität geschafft. Auf dem Bild, das seine Mutter in Händen hält, lächelt schüchtern ein junger Mann mit dunklen Haaren. Es ist eines der wenigen Erinnerungsstücke von ihm, das der Frau mit dem weißen Kopftuch geblieben ist. Im Sommer 1995 ist er spurlos verschwunden; 21 Jahre war er damals alt. In der alten Wohnung im Stockwerk über dem CD-Geschäft füllt Riads Geschichte bei "SOS Disparus" nur ein paar Seiten in einem der zerfledderten Ordner auf den hohen Regalen. Die Fälle von mehr als 8000 Verschwundenen haben die Mitarbeiter der kleinen algerischen Hilfsorganisation dort dokumentiert. Auf 6146 bei Aktionen der Sicherheitskräfte Verschwundene kam vor kurzem eine von der Regierung eingesetzte Kommission.

          Aber Riads Mutter ist eine Ausnahme unter den Angehörigen der Vermißten, die sich zu "SOS Disparus" zusammengeschlossen haben: Fast zehn Jahren hat die Witwe im schwarzen Kleid gewartet, daß ihr Sohn nach Hause zurückkehrt oder sie erfährt, was ihm zustieß. Doch mit jedem Jahr sank ihre Hoffnung, bis sie an diesem sonnigen Frühlingstag erfahren hat, was 1995 geschah. Damals bekämpften und töteten einander in Algerien militante Islamisten und Sicherheitskräfte, die meisten Opfer waren jedoch unbeteiligte Zivilisten. Auf der Straße verhafteten Polizisten ihren Sohn. Erst jetzt durfte seine Mutter einen Blick in seine Polizeiakte werfen. Dort las die die kleine Frau, was sie schon lange befürchtet hatte. "Dreizehn Tagen haben sie ihn im Polizeikommissariat gefoltert. Bis er gestorben ist", berichtet sie und kann die Tränen nicht zurückhalten. "Aber er war kein Terrorist, wie sie behauptet haben."

          Vielleicht noch in diesem Jahr soll in Algerien das Kapitel des "schmutzigen Kriegs" abgeschlossen werden, dem bis zu 150000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Der algerische Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika hat im vergangenen Herbst eine Generalamnestie vorgeschlagen, über die die Bevölkerung abstimmen soll. Viele Algerier erwarten, daß er bald Einzelheiten nennen wird. Für "SOS Disparus" und andere Organisationen, die für Angehörige der Opfer sprechen, bedeutet eine Amnestie jedoch nur eine von oben verordnete "kollektive Amnesie". In vielen Fällen sind die Entführer und Mörder sogar bekannt - die meisten von ihnen sind Angehörige der Sicherheitskräfte, oft wohnen sie bis heute in der Nachbarschaft der Opfer. Sie dürften nicht straffrei ausgehen, verlangen Verwandte und Menschenrechtler. Einige fordern wenigstens eine Wahrheitskommission nach südafrikanischem Vorbild.

          Andere Algerier wollen dagegen möglichst bald "eine neue Seite aufschlagen". Die Vergangenheit dürfe nicht mehr auf den folgenden Generationen lasten, argumentieren sie. Und für wieder andere sind Menschen wie Riads Mutter "Nestbeschmutzer", weil sie nicht ruhen lassen wollen, was im Jahrzehnt der Gewalt geschehen war. "Wir haben zu viel gelitten. Das läßt sich nicht einfach so vergessen", klagt sie. Sie weiß aus der Gerichtsakte, welche Beamten ihren Sohn verhört und vielleicht mißhandelt haben; niemand habe die Polizisten bisher dafür zur Rechenschaft gezogen.

          Weitere Themen

          Topographien der Gedanken

          Paris-Ausstellung in Berlin : Topographien der Gedanken

          Ulrike Ottinger erinnert im Berliner Haus der Kulturen der Welt an ein versunkenes Paris. In ihrer Ausstellung „Paris Calligrammes“ lässt sie ihre sieben Jahre in der französischen Hauptstadt Revue passieren.

          CDU hat AfD auf Distanz gehalten Video-Seite öffnen

          Wahl in Sachsen : CDU hat AfD auf Distanz gehalten

          Bei der Landtagswahl in Sachsen ist die CDU von Ministerpräsident Michael Kretschmer Hochrechnungen zufolge trotz Verlusten stärkste Kraft geworden und hat die AfD auf Distanz gehalten. Die Regierung aus CDU und SPD wurde klar abgewählt.

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.