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Art Basel Hongkong : Einblicke und Einsichten

  • -Aktualisiert am

Die siebte Art Basel Hongkong hält Entdeckungen bereit. Die Messe muss aber auch Leerlauf vermeiden.

          Nicht weniger als dreihundert internationale Kunstmessen zählt der jüngste Markt-Report der Art Basel für die Gegenwart; im Jahr 2000 waren gerade mal gut fünfzig am Start. Der Bericht notiert zudem einen Umsatzzuwachs von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr, was bedeutet, dass 2018 auf Messen 16,5 Milliarden Dollar umgesetzt worden sind. Eine astronomische Summe, die sich für den gewöhnlichen Besucher kaum ermessen lässt. Leichter fassbar ist ein überraschendes jüngstes Resultat für die asiatische Käuferklientel: Fast die Hälfte der Sammler in Singapur sind in den achtziger und neunziger Jahren geboren; in Hongkong beträgt die Rate dieser Käufer immer noch beachtliche 39 Prozent. Es gibt also jede Menge junger Leute, die sich nicht nur für Gegenwartskunst interessieren, sondern dafür auch in die Tasche greifen. Diese erwünschte Entwicklung können nicht alle, aber zahlreiche Aussteller aus dem Fernen Osten bei der laufenden Art Basel Hongkong bestätigen – und die Messe selbst dürfte zu diesen Zahlen maßgeblich beitragen.

          Die Art Basel Hongkong erzeuge einen „beträchtlichen kapitalistischen Druck“, sagt Johnson Chang, seit 1983 Galerist in Hongkong, der sich als Händler, aber auch als einflussreicher Kurator einen Namen gemacht hat, und er stellt zugleich fest, dass sich mit dem einhergehenden „internationalen Glamour“ eben auch die Kriterien für die zeitgenössische Kunst und ihre Beurteilung einbürgern und schärfen. Ein Galerist aus Schanghai indessen, wo privatem Reichtum derzeit kaum Grenzen gesetzt scheinen, beschreibt die Kauflust seiner Landsleute weniger schmeichelhaft: „Sie sind machtvoll, weil sie Geld haben. Aber sie langweilen sich, kaufen sich erst Apartments, dann Häuser. Und dann Kunst.“ Wie auch immer die Motivationen bei den Kunstliebhabern gelagert sein mögen, Hongkong übt eine Sogwirkung auf die globalen Galeristen aus, die sich hier längst mit Dependancen angesiedelt haben, wie zuletzt im 2018 eröffneten Galeriehaus HQueen’s mitten im Zentrum. Es dampft sinnreich aus den dicken Leitungsrohren, die Elmgreen & Dragset dort in der Galerie Massimo De Carlo installiert haben. Bei den Vernissagen parallel zur Messe ist das eine der ganz wenigen Ausstellungen, in der nicht nur Bilder an der Wand hängen.

          Die zugezogenen Galerien profitieren ihrerseits von der gewachsenen Infrastruktur, die das Interesse an Gegenwartskunst auf seriösem Level anfacht, wie sich im TaiKwun erkennen lässt: Die ehemalige Polizeistation mit Gerichtssaal und ihren gruselig kleinen Gefängniszellen aus der Zeit der britischen Kolonie bietet ein anspruchsvolles Ausstellungsprogramm. Jetzt gerade hat dort Susanne Pfeffer, die Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, die sehenswerte kleine Gruppenschau „The Violence of Gender“ zusammengestellt.

          Zur Art Basel Hongkong sind diesmal, bei etwa fünfhundert Bewerbungen, wieder rund 240 Galerien zugelassen. Die siebte Ausgabe ist in der Aufplanung wie auch im gesamten Erscheinungsbild leger, mit größeren Skulpturen und Setzungen aufgelockert, in weiten Passagen kurzweilig. Die Auftritte sind oft aufwendig gestaltet, wie zum Beispiel bei Modern Institute aus Glasgow mit seiner verwinkelten Standarchitektur. In der Zusammensetzung bekräftigt die Art Basel Hongkong eine Erfahrung, die man dankbar zur Kenntnis nimmt: Nicht alle Messen für Zeitgenossen auf diesem Globus müssen im Angebot gleich (westlich) aussehen. In Hongkong sorgt dafür eine sinnvolle Quotenreglung für Galerien aus Asien und dem pazifischen Raum, denen fünfzig Prozent der Kojen vorbehalten bleiben. Allein jene aus Japan setzen erfrischende Akzente mit einer von Manga bis zur Minimal Art geschulten, messerscharfen Bildsprache.

          Gewiss: Im Zentrum der Halle 1 breiten sich die Großgalerien aus, und erste Verkäufe von Ausstellern wie 303, Hauser & Wirth, Continua, Kordansky, Pace und Co. addieren sich zu den jüngst erhobenen Zuwachsraten. Als informativ und lohnenswert erweist sich die aktuelle Ausgabe jedoch mit einem Sektor namens „Insights“. Seine Aussteller stammen aus Singapur, Seoul, Neu Delhi und Taipeh, aus Busan, Osaka, Tokio, Chengdu und Kobe. Den Blick auf diese Regionen der Welt zu richten ist ein Gebot der Stunde, denn jener Global South gerät immer stärker in den Fokus der Biennalen. Entlang dem Messekorridor braucht es dafür einmal keine Kuratoren, und schon gar nicht möchte mein sein erworbenes Wissen „verlernen“, um die Aufmerksamkeit für eine andere Moderne zu bündeln.

          Bei Richard Koh aus Kuala Lumpur treffen wir den in Bangkok lebenden Natee Utarit, einen Maler, der in der Renaissance-Manier eines Piero della Francesca buddhistische Glaubensvorstellungen und westliche Kunstgeschichte aufeinanderstoßen lässt: Momente der europäischen Kolonialgeschichte in Bildwelten vermalt, in denen Hindu-Priester auf den Schamanen Joseph Beuys treffen und die britische Palastgarde marschiert, während sich eine Frau mit Kopftuch im Selfie festhält. Die Fremdbesetzung habe die Geschichte in seinem Heimatland regelrecht unterbrochen, auch dies wolle er ins Bild setzen, bemerkt der 1970 geborene Maler (Preise für seine Bilder bis zu 150.000 Dollar). Die Galerie Espace, Neu Delhi, widmet ihren Stand der in New York lebenden indischen Zeichnerin und Bildhauerin Zarina: Die Teilung Indiens im Jahr 1947 und ihre eigenen Lebensstationen in Paris und New York übersetzt die heute 82 Jahre alte Künstlerin in geometrische Abstraktionen. Die Galerie Star aus Peking zeigt zeithistorische Fotos des Journalisten und Pulitzer-Preisträgers Liu Heung Shing, darunter zwei Aufnahmen von Opfern des Pekinger Volksaufstands vom Juni 1989 (Preise bis zu 50.000 Dollar), die zu veröffentlichen in China strikt verboten wäre. Bei der Empty Gallery aus Hongkong ist der in New York lebende Maler Tishan Hsu mit einem kruden Neo-Geo aus den Jahren um 1980 wiederzuentdecken (Preise von 40.000 bis 80.000 Dollar).

          Während in manchen Messekorridoren bei der VIP-Eröffnung eine gewisse Leere gähnte, wurden die kleinen Kojen im Segment „Discoveries“ regelrecht belagert. Wie die „Insights“ sind auch sie durchweg mit monografischen Ständen bestückt. Christian Anderson, Kopenhagen, bietet Abstraktionen der in Wien lebenden gebürtigen Frankfurterin Julia Haller (Preisen bis zu 14.500 Euro), die Airbrush und Print auf gummiertem Gewebe vereinen. Eine Vorbestellung dafür liegt vor, aus Kopenhagen – was demonstrieren könnte, dass jüngere Aussteller ihre Käufer erst mit längerem Atem erobern. Zu den fraglos bleibenden Impressionen zählen im Getümmel der Entdeckungen die Animationen, mit denen die in Schanghai lebende Lu Yang am Stand von Société aus Berlin in grellen Bildern einen veritablen Cyber-Altar errichtet und einer technologischen Religion huldigt (die Installation kostet als ganze 95.000 Dollar).

          Bestimmt zum Vorteil der weitläufigen Messe ließe sich die Zahl der Aussteller reduzieren. Das ansonsten sehr gediegene Debüt der Frieze Los Angeles könnte dabei vielleicht eine Richtung weisen, auch wenn man nicht gleich auf siebzig Aussteller heruntergehen muss. Denn bei den derzeit so zahlreichen – eben dreihundert – jährlich stattfindenden Kunstmessen verzeihen die Käufer, wie jung sie auch sein mögen, auf die Dauer wohl eines am wenigsten: Leerlauf.

          Art Basel Hongkong. Im Hong Kong Convention and Exhibition Centre; bis zum 31.März. Eintritt 45 Euro.

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