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„Deutschland spricht“ 2022 : „Warum müssen Leute mit 180 über die Autobahn rasen?“

Amanda Kipke und Matthias Redecker Bild: Robert Gommlich, Ilkay Karakurt

Amanda Kipke engagiert sich bei Students for Future, Matthias Redecker hält nichts von einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Bei „Deutschland spricht“ treffen die Grüne und der Konservative zur Diskussion über den Ukrainekrieg aufeinander.

          5 Min.

          Die Studentin und der Arzt wirken auf den ersten Blick wie die perfekten Streitpartner, denn an Konfliktfeldern scheint es nicht zu mangeln: jung gegen alt, finanzschwach gegen wohlhabend, Frau gegen Mann, grün gegen konservativ, Ost gegen West. Doch innerhalb der zwei Stunden, die sie miteinander sprechen, gibt es statt Streit sehr oft Zustimmung und Verständnis für die Position des anderen.

          Philipp Johannßen
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Amanda Kipke ist 22 Jahre alt und studiert in Leipzig Jura und ist Mitglied bei den Grünen. Matthias Redecker wohnt in Bruchsal und arbeitet als Kardiologe. Er bezeichnet sich selbst als „konservativen Kandidaten“ und ist 63 Jahre alt. Beide haben sich bei der Leserdebattenaktion „Deutschland spricht“ angemeldet, um sich mit Menschen auszutauschen, die die Dinge anders sehen.

          Sie starten ihr Gespräch mit der Frage nach einer Wiedereinführung der Wehrpflicht. Redecker, der bei der Bundeswehr studiert und anschließend 15 Jahre dort gearbeitet hat, ist dafür. Seine Antwort will er jedoch anders verstanden wissen: „Ich bin mir nicht sicher, ob es der Bundeswehr derzeit helfen würde, Wehrpflichtige zu haben. Ich bin aber der Meinung, dass wir in Deutschland wieder eine allgemeine Arbeitspflicht haben sollten. Ein soziales Jahr zum Beispiel.“ Jura-Studentin Kipke ist gegen die Wehrpflicht, auch wenn der Ukrainekrieg sie verunsichert hat. Die Idee des sozialen Jahres findet sie sinnvoll, um Menschen einen Einblick etwa in den Arbeitsalltag der Krankenpflege zu geben.

          Hinter der Frage nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht steckt für Redecker allerdings noch mehr: „Wollen wir unsere Demokratie verteidigen?“, fragt er. Für Kipke steht außer Frage, dass sich Deutschland im Angriffsfall verteidigen können muss. Sie stellt die Gegenfrage: „Glauben Sie, dass sich die Demokratie nur militärisch verteidigen lässt?“ Krieg sei das letzte Mittel, sagt Redecker. Für ihn stellt sich allerdings auch die Frage: Wie viel Abschreckung brauchen wir?

          „Das ist passiert – jetzt kann auch alles andere passieren“

          Redecker führt den Einsatz der Blauhelm-Soldaten in Kosovo als Beispiel an und was ihre Präsenz dort bewirkt hätte. Das sei aber nur möglich, wenn Soldaten richtig ausgerüstet seien und es klar wäre, welche Konsequenzen einem Aggressor drohen. Ansonsten werde man nur als Entwicklungshelfer wahrgenommen und die Wirkung verfehlt, sagt Redecker. „Ganz oder gar nicht. Dann kann man sagen, wir verteidigen uns nicht – aber dann macht das auch die NATO nicht für uns.“ Kipke stimmt Redecker zu. „Ich bin 22 Jahre alt und habe noch nie etwas anders erlebt als Stabilität und Frieden“, sagt die Studentin. „Der Ukrainekrieg ist ein krasser Einschnitt und hat das Weltbild von sehr vielen Menschen über den Haufen geworfen. Mein Gefühl ist: Das ist passiert – jetzt kann auch alles andere passieren.“

          Bei der nächsten Frage ist sofort spürbar, dass Kipke sich schon häufiger mit dem Thema auseinandergesetzt hat: „Ich bin absolut dafür, dass ein Tempolimit eingeführt wird, damit wir die Klimaziele einhalten.“ Der Verkehrsbereich sei der Sektor, der am wenigsten zum Erreichen der Ziele beitrage und das Tempolimit ein einfaches Werkzeug, um viele Emissionen einzusparen, argumentiert sie. „Warum Leute mit 180 über die Autobahn rasen müssen, erschließt sich mir nicht.“

          Doch auch der Kardiologe führt offenbar nicht zum ersten Mal diese Diskussion. Ein Tempolimit würde nur einen geringen Prozentsatz beim Benzinverbrauch einsparen, erwidert er. Deutlich mehr würde es bringen, wenn weniger Kreuzfahrtschiffe über das Meer fahren und Kurzstreckenflüge reduziert würden. Dem widerspricht Kipke nicht, fordert aber politische Anreize: „Bahntickets müssen günstiger sein als Flugtickets, gerade innerhalb von Deutschland.“ Von einem Tempolimit rückt sie nicht ab: „Das entbindet doch nicht von der Verantwortung, dass wir auch in anderen Bereichen etwas einsparen.“

          Kipke findet es richtig, dass an die Eigenverantwortung der Bürger appelliert werde. „Wenn es wie beim Impfen darum geht, dass die gesamte Gesellschaft geschützt wird, dann impft sich der einzelne nicht nur für sich selbst, sondern auch für den anderen. Ich verstehe nicht, warum es so ein großes Problem ist, solidarisch zu sein – beim Impfen und beim Klima genauso“. Für Redecker wäre ein Tempolimit „reine Symbolpolitik“, gerade weil die deutsche Politik sich zuvor nicht zu einer allgemeinen Impfpflicht durchringen konnte. Ein Tempolimit liefere zudem ein Alibi, mehr Auto zu fahren.

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