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„Deutschland spricht“ : „Jeder hätte in den Westen gehen und sein Glück versuchen können“

  • -Aktualisiert am

Subramaniya Suresh (r.) und Steffen Köhler debattieren in einem Restaurant in Ludwigsburg über Fragen wie West-Ost-Gefälle, Einwanderung und bezahlbaren Wohnraum. Das Gesprächspaar hat sich über die Aktion „Deuschland spricht“ gefunden. Bild: Verena Müller

Ein „Gesamtdeutscher“ und ein „vollintegrierter Inder“ treffen sich in Ludwigsburg zum Meinungsaustausch. Besonders kontrovers diskutieren Sie das Thema bezahlbarer Wohnraum.

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          Eigentlich hat Steffen Köhler Subramaniya Suresh nicht erst am 30. Oktober 2019 kennengelernt, als sich die beiden das erste Mal in ihrem Leben persönlich begegnen. In Sureshs Lieblingsrestaurant im Zentrum von Ludwigsburg. Zusammengebracht durch die Aktion „Deutschland spricht“, bei der sich fremde Menschen mit kontroversen Ansichten zu einem persönlichen Schlagabtausch treffen. Als Köhler den ersten Mailkontakt mit Suresh aufnehmen will, ist er unsicher bei der richtigen Anrede. Was ist Vorname, was Nachname? Google soll helfen, führt ihn aber bei der Suche unter „Subramaniya“ auf eine Seite über Ayurveda.

          Ina Lockhart

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Mit dem Suchwort „Suresh“ hat der 49-Jährige Erfolg. Jetzt weiß er nicht nur, dass es der Nachname ist, sondern liest auch gleich die Lebensgeschichte seines künftigen Diskussionspartners, der aus Südindien stammt und Informatik in Bangalore studiert hat. In dem Buch „Pendelndes Leben zwischen Morgen- und Abendland“ hat Suresh sie erzählt. Mit der Anekdote rückt Köhler aber erst am Ende des Treffens heraus, nachdem er warm geworden ist. Am Anfang bricht Suresh, den ein Praktikum 1973 nach Deutschland geführt hat, das Eis. Er bestellt eine Runde Vorspeisen aus seiner alten Heimat und erklärt wortreich, was Chai Masala, Pakora und Papadams sind. Köhler, der in der Lutherstadt Eisleben im Harz in Sachsen-Anhalt geboren ist, lässt sich darauf ein und kommentiert die Vielzahl an Dips und Soßen mit dem Satz: „Sie machen es einfach mal vor.“

          Die Frage, ob sich Deutschland zu wenig um die Ostdeutschen kümmert, haben beide kontrovers beantwortet. Suresh mit nein, Köhler mit ja. „Ich bin seit 28 Jahren hier im Wilden Westen“, sagt der Betriebsleiter einer Großküche. „Ich habe komplett bei null angefangen, eine Stelle gesucht und mich hochgearbeitet.“ Damals war er 20 Jahre alt. Seine Eltern erst um die 40. Jung genug, um ohne die Hilfe ihres Sohnes zurechtzukommen.  „Diese Chancen hatten meine Eltern aber nicht“, sagt der gelernte Koch, der später noch BWL studiert hat. „Meine Mutter, gelernte Schneiderin, hat partout keine Arbeit gefunden und hat sich dann selbständig gemacht. Die Preise – Lebenshaltung und Lohngefüge – klafften extrem auseinander.“ Köhler erinnert sich, wie seine Eltern durch einen kreditfinanzierten Hauskauf zeitweise in eine Notlage geraten, als sie arbeitslos werden.

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

          Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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          Suresh erzählt, wie er nach der Wende zusammen mit seiner Familie in den Osten Deutschlands gereist ist. Der „alternde Inder mit Schnurrbart, aber ohne Turban“, wie er sich selbst beschreibt, schwärmt von den „fantastischen Straßen“ und von Glasfaserkabel, das damals im Osten schon verlegt wurde und das es im Westen teils erst seit 2019 gibt.  

          Suresh: „Ich habe über den Solidaritätszuschlag viel Geld abgeben müssen für den Osten. Am Anfang gerne, aber irgendwann habe ich mich gefragt, warum denn eigentlich?“  

          Köhler: „Von dem Solidaritätszuschlag haben die Leute nichts, die tagtäglich auf Arbeit gehen. Dass alle gleich sind, kann man nur über die Gehälter erreichen. Die Menschen im Osten müssen das gleiche verdienen wie die Menschen im Westen. Auch von den Autobahnen, die gebaut wurden, haben die Leute vor Ort nichts.“

          Suresh: „Das verstehe ich nicht. Eine gute Straßeninfrastruktur bringt doch nicht nur Waren, sondern auch Arbeitsplätze.“

          Köhler: „Ja, an den Autobahnen entstehen schon hier und da neue Werke. Das sehe ich, wenn ich zu meinen Eltern in den Osten oder nach Berlin fahre. In den Hotspots wie Dresden gibt es Arbeit, aber nicht auf dem Land.“

          Suresh: „Könnte es sein, dass sich in den 40 Jahren DDR durch den Effekt einer geschlossenen Gesellschaft eine besondere Mentalität herausgebildet hat? Eine bestimme Erwartungshaltung, dass sie etwas bekommen. Hier im Westen ist es eher, dass man zuerst etwas leistet oder macht und dann etwas erwartet. Das ist mein Eindruck. Ich sage nicht, dass es so ist.“

          Köhler: „Das trifft nicht auf mich zu, weil ich weg bin in den Westen. Jeder in meinem Alter hätte das machen können. In den Westen gehen und sein Glück versuchen. Bei denen, die nicht weggehen konnten, weil sie ein Haus hatten oder sich um die Eltern kümmern mussten, liegt es nicht an der Mentalität. Es liegt eher daran, dass sie arbeitslos wurden. Meine Geburtsstadt, Eisleben, war eine Bergbauregion. Sie wurde 1991/92 komplett abgewickelt. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl versprach: ‚Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor.‘ Geliefert hat die Regierung aber nicht.“

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