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„Deutschland spricht“ : „Zu erben gibt’s hier im Osten gar nichts“

Autorin Anna Engeln aus Hamburg trifft am Laptop auf den Lehrer Hagen Kunze aus Leipzig. Bild: Daniel Pilar

Hagen Kunze ist in der DDR aufgewachsen und findet die Behandlung der Ostdeutschen ungerecht, Anna Engeln kommt aus dem Westen und sieht das anders. „Deutschland spricht“ bringt die beiden zusammen.

          6 Min.

          Anna Engeln und Hagen Kunze wählen einen Klassiker unter den Gesprächsstarts: das Wetter. Heiß ist es bei ihm in Leipzig, heiß ist es bei ihr in Hamburg. Schön, die Unterschiede in Deutschland sind also kaum merklich. Kurz hat man die Befürchtung, das Gespräch plätschert jetzt so dahin. Der Katzenbaum im Hintergrund bei Kunze wäre doch ein guter Aufhänger für das nächste Smalltalk-Thema. Bei „Deutschland spricht“ steht das „spricht“ aber doch nicht für plaudern.

          Manon Priebe
          Redakteurin für Social Media.

          Also springt Kunze rein ins Gespräch: „Bei welcher Frage können Sie sich so gar nicht vorstellen, dass ich eine andere Meinung als Sie habe, Frau Engeln?“ Engeln findet, Deutschland kümmere sich genug um die Ostdeutschen. Kunze widerspricht. Es kann losgehen.

          Beiden ist wichtig, dass sie sich in den anderen hineinversetzen können. Und zu Kunzes Hintergrund sollte Engeln wissen: Der 47 Jahre alte Lehrer kommt aus einer Familie, die in der DDR zu Opposition gehörte. 16 Jahre war er alt bei der Wende. Er sagt lieber „Friedliche Revolution“. Seine ganze Generation sei dadurch geprägt. „Wir nennen uns manchmal aus Spaß ,die 89er‘“, in Anlehnung an die Westdeutschen 68er. Er startete mit dem Studium, vieles war möglich in der neuen Zeit. Vieles aber auch nicht. Manches was da geschah, nennt Kunze „eigenartig“: Seine Kommilitonen wurden nicht Dozenten oder Professoren, stattdessen kam „aus dem Westen eine Riege von Männern – ja mehr Männer als Frauen – von denen ich das Gefühl hatte, im Westen hätten sie keine Chance auf eine Karriere gehabt, und bei uns wurden sie Dozenten und Profs. Die Ostdeutschen sind in die zweite Reihe gerutscht.“ Dazu bekamen die Westdeutschen noch eine Zulage, weil die Lebensbedingungen im Osten ja vermeintlich schlechter waren.

          „Das widerspricht meinem Sinn für Gerechtigkeit“

          Bis heute setze sich das fort: „In der Kultur sind die Intendantenstellen und andere Posten auf den höchsten Ebenen noch immer zu einem übergroßen Prozentsatz von Leuten mit westdeutscher Sozialisation besetzt.“ 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution dürfe das eigentlich nicht mehr so sein, findet er. „Nicht das akademische Wissen ist ausschlaggebend, sondern das Glück, auf der richtigen Seite der Grenze geboren zu sein. Das widerspricht meinem Sinn für Gerechtigkeit.“

          Der Lehrer Hagen Kunze sagt: „Nicht das akademische Wissen ist ausschlaggebend, sondern das Glück, auf der richtigen Seite der Grenze geboren worden zu sein.“
          Der Lehrer Hagen Kunze sagt: „Nicht das akademische Wissen ist ausschlaggebend, sondern das Glück, auf der richtigen Seite der Grenze geboren worden zu sein.“ : Bild: Daniel Pilar

          Das Thema bewegt auch seine Gesprächspartnerin. Engeln, die Frau vor dem imposanten Bücherregal, arbeitet heute als freiberufliche Autorin; beim Fall der Mauer war sie 30 Jahre alt und hat dieses Ereignis von Paris aus verfolgt. Doch Kunzes Beschwerden könne sie nachvollziehen. Dieses Bedürfnis zu partizipieren, zu gestalten und daran gehindert zu werden, das kenne sie als Frau nur zu gut. „Die Geschlechtergerechtigkeit ist noch immer nicht umgesetzt. Nach über 70 Jahren! Dabei ist sie im Grundgesetz verankert.“ Diese Ungleichheiten hätten sich in der Pandemie systembedingt noch verstärkt.

          „Skepsis vor dem, was ‚von oben‘ kommt“

          Kunze ist noch nicht fertig mit dem Thema Ostdeutschland, die Wanderwitz-Debatte treibt ihn um. Marco Wanderwitz ist der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer. Für ihn sei ein gewisser Prozentsatz der Ostdeutschen noch immer nicht in der Demokratie angekommen. „Kritisiert wurde, dass viele AfD-Wähler erst Mitte 30 sind und keine DDR-Sozialisation haben“, fasst Kunze zusammen. Es könne also nicht an der DDR-Vergangenheit liegen, wenn Ostdeutsche die AfD wählten. Kunze hält dagegen: „Sozialisierung ist aber nicht nur das, was man selbst erlebt hat, sondern auch das, was man von den Eltern und Großeltern mitbekommt.“

          Als Lehrer erlebe er, welch „hanebüchenen Unsinn“ seine Schüler von den Eltern oder Großeltern erzählt bekämen: „Und dann sehen sich plötzlich auch die Jungen als spezifisch ostdeutsch.“ Kunze spricht von „unbewältigten Kränkungen“, einer „Traumatisierung“, die, weil sie noch nicht geklärt ist, von Generation zu Generation weitergegeben werde.

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