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„Deutschland spricht“ : „Wenn man jung ist, muss man die Welt ändern“

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Hannah Lübbert, Studentin der Umweltwissenschaften, und Gisela Aye, Kunsthistorikerin, nehmen in Lüneburg an der Aktion „Deutschland spricht“ teil. Bild: Lukas Kreibig

Im Bann der Affekte: Gisela Aye fürchtet sich vor dem Islam, nicht jedoch vor dem Klimawandel. Bei Hannah Lübbert verhält es sich genau umgekehrt. Für „Deutschland spricht“ haben sie sich aufeinander zubewegt.

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          Manchmal sagt der Körper mehr als tausend Worte. Hannah Lübbert redet schnell, aber überlegt. Sie schildert eigene Erfahrungen und erzählt Anekdoten. Wer ihr zuhört, lernt eine beherrschte junge Frau kennen, die Freude am Diskutieren hat. Wer sie nun jedoch anschaut, weiß sofort, dass ihr Frust nicht unerheblich sein kann: rote Wangen, erstaunter Gesichtsausdruck. Die Affekte haben bei ihr in dem Moment die Regie übernommen, als ihre Gesprächspartnerin einen kurzen, aber treffsicheren Satz abfeuerte: „Der Islam dominiert hier alles.“

          Gisela Aye lässt keine Zeit verstreichen und ergänzt: „Das ist eine virile Religion, die Männer haben alles zu sagen, und das Christentum hat dem nichts entgegenzusetzen.“ Hannah Lübbert wahrt trotz ihres sichtbaren Ärgers die Form, sie nickt immer wieder, sagt oft „ja“ und hört geduldig zu. Schließlich verschränkt sie die Arme vor der Brust und berichtet von ihrer Zeit als Sprachlehrerin. Da habe es nie Probleme mit Moslems gegeben. Pünktlichkeit, Respekt, Motivation, alles bestens. Schlecht zu integrierende Menschen scheiterten in der Regel wegen mangelnder Möglichkeiten und unzureichender Rahmenbedingungen, nicht aufgrund von charakterlichen Defiziten.

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

          Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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          Bei der Aktion „Deutschland spricht“ treffen Menschen aufeinander, die sich geographisch nah und politisch fern sind. Gisela Aye ist 72 Jahre alt und promovierte Kunsthistorikerin. Mit ihrem Mann bewohnt sie im Süden Lüneburgs ein geschmackvoll eingerichtetes Haus, dessen Interieur durch die vielen vollgepackten Bücherregale besticht. Neben zahllosen Romanen signalisieren vor allem die dicken Bildbände über Burgen in Europa, benediktinische Kunst oder Schnitzaltäre, dass hier keinem kulturgeschichtlichen Massengeschmack gefrönt wird. Apropos Geschmack: Zur Verköstigung gibt es würziges, selbst gebackenes Brot und Wasser mit leichter Fruchtnote.

          Gisela Aye wünscht sich ein Christentum, das seine Werte verteidigt.

          Hannah Lübbert, 18, wurde im kalifornischen Berkeley geboren, ist in Berlin aufgewachsen und studiert nun Umweltwissenschaften in Lüneburg. Sie trägt einen Strickpulli und sagt über sich selbst, man erkenne sie an ihrem Lockenkopf. In dem vorab ausgefüllten Steckbrief gibt sie an, Deutschland kümmere sich zu wenig um die Einwohner der neuen Bundesländer, sei in den vergangenen Jahren nicht unsicherer geworden und lasse die Alten auf Kosten der Jungen leben. Aye sieht all das anders. Obwohl die beiden sich in wesentlichen gesellschaftlichen Fragen mühelos in die Haare kriegen könnten, ist ihr Dialog mit dem Label „Streit light“ hinreichend charakterisiert. Denn Konsens herrscht vor allem in einer Hinsicht: Offenen Zank gilt es zu vermeiden.

          Hannah Lübbert sorgt sich wegen des Klimawandels: „Wenn man jetzt nichts macht, nimmt man uns die Zukunft.“

          Häufig sind es die kleinen Unterschiede des Vokabulars, die auf große Differenzen des Denkens deuten. Lübbert sagt konsequent „Geflüchtete“, während Aye von „Flüchtlingen“ spricht. Lübbert erklärt, die Erderwärmung vollziehe sich „rasant“, für Aye erfolgt sie „einen Tick schneller“ als früher. Darin kommt eine Dissonanz zum Ausdruck, die während des Gesprächs fortwährend mitläuft, ohne dass sie immer wieder direkt angesprochen werden muss. Dasselbe gilt für die Modulation der Stimme. Als die Unterhaltung beim Christentum ankommt, sagt die Studentin, man könne Werte ohne Religion und Dogmen vermitteln, wobei sie das Wort „Dogmen“ regelrecht herausspuckt. Ihre Gastgeberin entgegnet – man ist geneigt zu sagen: tiefenentspannt –, Europa dürfe verbindliche Glaubenssätze nicht fallenlassen, sonst drohe der „Untergang des Abendlandes“. Von dort ist es nur ein kleiner Schritt zur Burka.

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