https://www.faz.net/-it7-9suwc

„Deutschland spricht“ : Wenn Absurditäten als Freiheiten verklärt werden

  • -Aktualisiert am

Bringen ein weiteres Thema bei „Deutschland spricht“ ein: die Bedeutung des Glaubens. Doro Bateva (links) und F.A.Z.-Hospitantin Marie Degenfeld. Bild: Frank Röth

Russland, Verbote und der Glaube an Gott – daran schieden sich unsere Geister. Wie ich als F.A.Z.-Hospitantin mit der Bahn-Innovationsberaterin Doro Bateva diskutierte. Ein Bericht aus persönlicher Perspektive.

          4 Min.

          „Oh je, auf was habe ich mich da nur eingelassen?“, schießt es mir durch den Kopf, als ich am Eingang der Frankfurter Paulskirche auf Doro Bateva warte. Die zentrale Auftaktveranstaltung von „Deutschland spricht“ ist vorbei, und um 17 Uhr ist der deutschlandweite Startschuss für die Streitgespräche gefallen. F.A.Z.-Herausgeber Werner D`Inka hat in seinem Kurzvortrag an die Anwesenden appelliert: „Fetzen Sie sich, dass es nur so kracht“. Ich selbst sehe mich als einen ziemlich streitfaulen und harmoniebedürftigen Mensch.

          Bateva ist 32 Jahre alt und mein „Deutschland spricht“-Gesprächspartner. In sechs von sieben kontroversen Ja/Nein-Fragen haben wir unterschiedliche Meinungen. Sie arbeitet als Innovationsberaterin bei der Deutschen Bahn. Wir haben vereinbart, uns im Plenarsaal der Paulskirche zu treffen. Auf ihrem „Deutschland spricht“-Profil habe ich gelesen, dass sie SUV in der Großstadt und Profitorientierung nicht mag. Ablehnend stehe ich solchen Punkten nicht gegenüber. Mir scheint es eher, dass meine Lebensschwerpunkte woanders liegen. Ich frage mich, was uns alles durch die sechs unterschiedlich angegebenen Antworten voneinander unterscheidet.

          Und dann ist sie da. Mit ausgestreckter Hand kommt Bateva lächelnd auf mich zu. Sie entschuldigt sich, dass sie sich knapp verspätet hat, sie sei mit dem Fahrrad hergekommen. Erster Eindruck: super sympathisch, wir duzen uns. Wir steigen die Treppen zum Plenarsaal hoch und merken, wo bei der vorigen Veranstaltung noch mehr als 500 Leute saßen, ist der Saal inzwischen fast leergekehrt. Außer uns ist nur noch ein weiteres Streitpaar anwesend. Wir setzen uns auf das Podium.

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

          Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

          Mehr erfahren

          Bateva fragt mich, ob es einen Gesprächs-Leitfaden gibt. Ich schlage die Fragen vor, bei deren Antworten wir uns unterscheiden. Erste Frage: „Sollte Deutschland engere Beziehungen zu Russland anstreben?“. Ich sage Ja, sie sagt Nein. Sie hält es für falsch, mit einem Land, das die Meinungsfreiheit verletzt, Homophobie befürwortet und die Krim annektiert hat, engere Beziehungen zu führen. Gleichzeitig versteht sie, dass es schwierig ist, Haltung zu wahren und Handelsbeziehungen aufrecht zu erhalten. Als studierte Slawistin, die einige Monate in Moskau gelebt hat, halte ich eine gute Beziehung zu Russland für sehr wichtig. Batevas Kritik am System Putin teile ich trotzdem. Gleichzeitig wünsche ich mir einen Weg, die Beziehungen zu Russland zu verbessern, ohne Abstriche machen zu müssen. Wie genau das funktionieren soll, ist mir auch noch nicht klar.

          Das Gespräch verläuft dynamisch, wir bewegen uns schnell auf das Thema Umwelt zu. Ein Thema, das Bateva sichtlich berührt. Sie ist der Ansicht, dass man in Deutschland an einem Punkt angekommen ist, wo ehemalige Absurditäten als Freiheiten betitelt werden. „Wenn ein Geringverdiener jeden Tag verrückt billiges Fleisch essen kann, das mit Antibiotika und Angsthormonen vollgestopft ist, dann ist das keine Freiheit“, sagt sie. Sie träumt von einem Deutschland, wo Massentierhaltung verboten wird, man solle Anreize für „richtiges“ Wirtschaften setzen. Ich bemerke, dass ich in den letzten Jahren sensibler für das Thema geworden bin, im Alltag aber meinen Fokus weniger darauf setze.

          Die Herkunft der Teilnehmer

          Rostock

          Hamburg

          Bremen

          Berlin

          Hannover

          Magdeburg

          Münster

          Dresden

          Köln

          Erfurt

          Frankfurt

          Nürnberg

          Stuttgart

          München

          Grafik: Giesel

          Die Herkunft der Teilnehmer

          Rostock

          Hamburg

          Bremen

          Berlin

          Hannover

          Magdeburg

          Münster

          Kassel

          Leipzig

          Dresden

          Köln

          Erfurt

          Frankfurt

          Nürnberg

          Mannheim

          Saarbrücken

          Stuttgart

          München

          Grafik: Giesel

          Bateva engagiert sich in ihrer Arbeit für ein wachsendes Umweltbewusstsein. Ihrem Kollegen, der ihrer Meinung nach zu oft mit einem „Coffee to go“-Becher in die Arbeit gekommen ist, hat sie zum Geburtstag einen Mehrwegbecher geschenkt. Für den vergangenen globalen Klimastreik hat sie ihre Kollegen angeworben. Allerdings mit mäßigem Erfolg. In der Großstadt machen sie ignorante Autofahrer und SUV wütend. Bateva versucht gelegentlich, die Fahrer vor roten Ampeln darauf aufmerksam zu machen, wenn sie beispielsweise nicht geblinkt haben. Dafür muss sie auch mal harsche Kommentare einstecken. Ihr Mut und ihre Direktheit beeindrucken mich.

          Weitere Themen

          Die Kunst des Interviews

          Mehr als bloß Fragen stellen : Die Kunst des Interviews

          Unter den journalistischen Textformen ist das Interview noch immer das Stiefkind – vollkommen zu Unrecht: Ein gutes Interview ist nie nur eine Aneinanderreihung von Fragen und Antworten, sondern ein kleines Theaterstück.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.