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„Deutschland spricht“ : „Wir waren zu müde, zu fett, zu satt“

Hinterfragen, Differenzieren, Abwägen – kontrovers wird es zwischen den „Deutschland spricht“-Teilnehmern Iris Roth (Bild) und Til Assmann selten. Bild: Cabrera Rojas, Diana

Welche Chancen bietet die Corona-Krise? Und brauchen wir überhaupt eine Maskenpflicht? „Deutschland spricht“ – und streitet. Unsere Leser Iris Roth und Til Assmann haben es ausprobiert.

          5 Min.

          Es gibt so einige Dinge, die Menschen an einem schönen Sonntagnachmittag im Mai gerne machen: einen Spaziergang im Grünen, ein Stück Kuchen im Garten essen, ein gutes Buch lesen, oder endlich die neueste Folge der Lieblingsserie schauen. Sich per Videoanruf mit einer fremden Person zum Streiten zu verabreden, gehört wohl für die Wenigsten zur sonntäglichen Lieblingsbeschäftigung. Und doch haben Iris Roth und Til Assmann genau dies im Rahmen der Aktion „Deutschland spricht“ getan – ebenso wie rund 2000 weitere Leser, die an diesem Sonntag über Fragen rund um die Corona-Krise diskutierten. Der Videoanruf ist schnell eingerichtet und die Webcam zurechtgerückt, schließlich sind wir in den vergangenen sieben Wochen fast alle coronabedingt zu Experten im Umgang mit Zoom, Skype & Co., zu Bewohnern des digitalen Raums geworden.

          Simon Hüsgen
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Womit der erste Diskussionspunkt zwischen der 58 Jahre alten Frankfurterin und dem 52 Jahre alten Bremer auch schon gesetzt ist. In dem Fragebogen, den die Teilnehmer vor dem Gespräch ausfüllen mussten, hatte Assmann, der neben seinem Hauptberuf in der internationalen Geschäftsentwicklung auch als Dozent an der Hochschule Bremen tätig ist, sich für eine Fortführung des Online-Unterrichts auch nach der Pandemie ausgesprochen. „Ich finde es klasse, dass es so schnell möglich war, den Betrieb aufrechtzuerhalten“, lobt Assmann, schiebt allerdings gleich hinterher: „Andererseits ist das extrem anstrengend.“ Interaktives Lernen solle den Präsenzunterricht ja nicht ersetzen, eine sinnvolle Ergänzung sei es aber definitiv. Man spürt, dass das Thema Digitalisierung Assmann bewegt – auch, weil er als Honorarkonsul Estlands eine enge Bindung zu einem Land hat, das in diesem Bereich gemeinhin als Musterbeispiel dient.

          Herzthema Digitalisierung: Til Assmann hofft, dass Deutschland durch die Corona-Krise aus seinem digitalen Dornröschenschlaf aufwacht.
          Herzthema Digitalisierung: Til Assmann hofft, dass Deutschland durch die Corona-Krise aus seinem digitalen Dornröschenschlaf aufwacht. : Bild: Cabrera Rojas, Diana

          „Aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass in Estland Schulen und Schüler besser ausgestattet sind“, wendet Roth ein. Die Psychotherapeutin stört sich besonders an der schlechten digitalen Infrastruktur Deutschlands. „Wir haben 2020 und es gibt noch immer Menschen, die in den nächsten Ort fahren müssen, um Internet zu kriegen. Das ist doch absurd“, schimpft Roth. Bei Assmann rennt sie mit ihrem Ärger offene Türen ein: „Wir waren zu müde, zu fett, zu satt, um dieses Thema anzugehen.“


          Bedenken hegen beide allerdings bei der Einführung einer App zur Nachverfolgung der Infektionsketten – und das, obwohl sich Assmann im Fragebogen noch für eine Lockerung des Datenschutzes ausgesprochen hatte. Woher also der Sinneswandel? „Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland mit unserer Mentalität im Digitalen schon so weit sind, eine App in einem solch kritischen Bereich einzusetzen.“ Grund hierfür sei, auch hier herrscht bei beiden Einigkeit, Überregulierung und dass die Kontrolle über die eigenen Daten oftmals zu kompliziert sei. Die Folge laut Assmann: „Lieber hat man keine Daten, als jedes Mal aktiv um Einverständnis zu bitten“. Trotz alledem sieht der Bremer in der Corona-Krise aber auch eine Gelegenheit, diesen Mentalitätswechsel nun endlich herbeizuführen.

          Haben die Bilder aus Bergamo die Debatte beeinflusst?

          Sollte man die Krise also vor allem als Chance begreifen? Natürliche berge eine solche Situation Möglichkeiten, findet Roth, „aber es werden eben auch Dinge verstärkt, die ich bedenklich finde.“ Sorgen bereiten ihr insbesondere die langfristigen psychischen Folgen des Kontaktverbots und das Fehlen körperlicher Nähe. „Sechs oder acht Wochen kann man das vielleicht aushalten, aber diese Krise wird ja länger dauern. Und dass man dann besonders in beengten Wohnverhältnissen an seine Grenzen kommt, ist nachvollziehbar“, glaubt die Therapeutin. Diese Aspekte seien ihr in der Reaktion der Bundesregierung auf die Ausbreitung der Pandemie zu kurz gekommen.

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