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„Deutschland spricht“ : „Es kann eine Impfverpflichtung hintenherum geben“

  • -Aktualisiert am

Bettina Seulberger im Gespräch mit Volker Loitz bei der Debattenaktion „Deutschland spricht“ Bild: Felix Schmitt

Stadt-Land-Gefälle in Zeiten von Corona: Bettina Seulberger und Volker Loitz spüren die Folgen der Corona-Regeln unterschiedlich stark. Doch was die Zukunft angeht, teilen beide große Sorgen.

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          Bettina Seulberger und Volker Loitz sind sich schnell einig. Wenn es um Corona geht, ist die Lage verwirrend. „Ein bisschen überspitzt: Man weiß ja heute schon nicht immer, was man darf, und was man nicht darf“, sagt Loitz. Seulberger ergänzt: „Man versteht auch nicht, warum manche Sachen so sind, wie sie sind und andere nicht.“ Maskenpflicht, Datenschutz, Online-Unterricht – es gab so vieles, bei dem sie sich im Vorfeld uneins waren. Sich aber einfach mal die Unsicherheit von der Seele zu reden: Auch das ist ein Anliegen bei der Debattenaktion „Deutschland spricht“, bei der zwei Menschen mit gegensätzlichen Ansichten an einen Tisch kommen und diskutieren sollen.

          Seulberger und Loitz treffen sich wegen der Kontaktbeschränkungen nur virtuell, an Gesprächsstoff mangelt es den beiden deshalb aber nicht. Seulberger lebt im hessischen Darmstadt, wo Restaurants ab dem 15. Mai unter strengen Auflagen wieder öffnen dürfen. Nun seien Baden-Württemberg und Rheinland Pfalz aber nicht weit und es sei schwer, bei unterschiedlichen Regelungen den Überblick zu behalten. Das färbe sich auf das Verhalten der Leute in der Stadt ab. „Es ist eine Anspannung da, fast schon eine Aggression“, so die 49 Jahre alte Hessin. Sie selbst sei in einer Metzgerei „angepampt“ worden, weil sie nicht sofort auf einer Abstandsmarkierung gestanden habe. „Ich habe nichts gekauft und bin wieder rausgegangen. Es ist anstrengend.“

          Solche Eindrücke kennt Loitz nicht, der in einem kleinen Ort in Niedersachsen wohnt und einen kleinen Automobilzulieferbetrieb verantwortet. „Ich lebe auf dem Land“, sagt der 61 Jahre alte Diplom-Ingenieur. „Hier nimmt man das alles etwas entspannter.“ Ein deutliches Stadt-Land-Gefälle – nicht nur bei den Infektionszahlen, sondern schlicht bei der Wahrnehmung.

          „Risikozonen sind Kaffeemaschinen und Raucherecken“

          Wer dachte, unterschiedliche Ansichten stacheln die Menschen zu Streithähnen auf, der erlebt zumindest bei diesem Gespräch das Gegenteil. „Die Leute verstehen sich nicht mit dem Mundschutz“, sagt etwa Seulberger. „Ich empfinde Masken als extrem unangenehm, besonders wenn man Brillenträger ist.“ Die Regeln seien ihr zu pauschal. In der Bahn habe sie das Gefühl, dass die Menschen die Mundschutzpflicht zum Anlass nehmen, die Abstandsregeln nicht mehr einzuhalten. Loitz hat Verständnis, hält aber die thüringische Stadt Jena dagegen, die schon am 6. April eine Mundschutzpflicht eingeführt hat. Jena sei doch ein gutes Beispiel dafür, dass solche Maßnahmen die Zahl der Neuinfektionen erfolgreich drücke, so Loitz.

          Als Leiter eines Automobilzuliefererbetriebs kritisiert Volker Loitz, dass die Auflagen für Betriebe zu ungenau formuliert seien.

          Abstandsregeln sieht auch der Betriebsleiter mit Sorge: „Risikozonen sind Kaffeemaschinen und Raucherecken“, sagt er. Mitarbeiter, die in der Produktion seines Betriebs arbeiten, könnten nicht im Homeoffice arbeiten. Dass er nun bestimmte Auflagen umsetzen müsse, stört ihn nicht weiter. Für ihn sind die Angaben des Gesetzgebers aber zu ungenau: regelmäßiges Lüften etwa – was bedeute regelmäßig? Oder auch die Anweisung, dass Mitarbeiter bei Fieber zuhause bleiben sollen: Ab welcher Temperatur genau habe man Fieber?

          Seulberger arbeitet im Vertriebsmanagement eines Energieversorgers und muss sich um diese Aspekte wenige Gedanken machen. „Wir haben die Räumlichkeiten gar nicht, um Meetings offline abzuhalten“, sagt sie. Sie arbeite aktuell im Homeoffice, aber empfinde das als extrem einschränkend. „Ich bin ein sehr kontaktfreudiger Mensch“, sagt sie. „Ich bin ja bewusst in die Stadt gezogen, um dieses städtische Umfeld zu genießen.“ Loitz hat Verständnis, aber geht da nicht mit. „Das ist eine mögliche Einstellung dazu“, entgegnet er diplomatisch.

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