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„Deutschland spricht“ : „Meiner Oma würde ich auch höhere Benzinpreise zumuten“

„Ich will die Enteignung“, sagt der Student Kandulaski (l). „Die Wohnungen in der DDR waren Murks“, meint Geschäftsführer Lars Denk. Bild: Stefan Finger

Wie teuer wird Autofahren oder Wohnen in Zukunft? Das fragen sich Lars Denk, Chef eines Automobilzulieferers und Eigenheimbesitzer, und der Fahrrad fahrende Großstadt-Student Tjark Kandulski.

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          Soll er wirklich mitdiskutieren? Tjark Kandulski schwankt gleich zu Anfang. Einerseits, sagt der Student, sage er sehr gern seine Meinung im Internet und klicke Online-Umfragen an. Andererseits, habe er schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie dieses Gespräch ablaufen werde. Dann könne man es ja auch gleich ganz lassen. „Ich bin nun hier, um zu sehen, ob ich recht habe.“

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Verdacht der Vorhersehbarkeit liegt zunächst nahe: Da sitzt auf der einen Seite des Videogesprächs der 27 Jahre alte Ästhetikstudent Tjark Kandulski in seinem Hamburger Studienzimmer mit langen blonden Haaren und roter Wollmütze und will über Wohnungsenteignung, radikalen Wandel und Kapitalismuskritik reden. Auf der anderen Seite des Computerbildschirms hat Lars Denk Platz genommen, ein 52 Jahre alter Geschäftsführer eines kleinen Automobilzulieferers und Besitzer eines Eigenheims im sauerländischen Hagen. Die beiden hat die Aktion „Deutschland spricht“ per Videokonferenz zusammengeführt.

          „Ich will die Enteignung“

          Es sei, erklärt Denk, doch mal ganz spannend, jemanden zu treffen, dem er sonst nicht begegnen würde. Er habe bereits mehrmals solch ein Gespräch mit Leuten gesucht, die „nicht in meiner Blase sind“. „Aber die Kombination aus Geschäftsführer und Automobil ist dann doch wohl für viele abschreckend.“

          So gegensätzlich die beiden Männer scheinen, so schnell haben sie die erste Einigung erzielt: Sie wollen sich duzen, auch wenn man sich gerade erst sieben Minuten kennt. „Das ist doch gemütlicher“, findet Denk. Inhaltlich kontrovers, wenn auch mit mitunter überraschender Rollenverteilung, wird es dennoch in den darauf folgenden zweieinhalb Stunden zugehen, in denen die beiden über Wohnkosten diskutieren, über Umweltschutz, die Zukunft des Autos, die Reformfähigkeit der deutschen Gesellschaft und über Karl Lauterbach.

          Wer niedrigere Mieten wolle, müsse mehr bauen, meint Lars Denk.
          Wer niedrigere Mieten wolle, müsse mehr bauen, meint Lars Denk. : Bild: Stefan Finger

          Dass Ansichten stark von der eigenen Lebenswelt geprägt werden, zeigt sich bei den beiden schnell. Etwa, als sie auf das Thema Mietkosten in Deutschland zu sprechen kommen. In Umfragen wie dem Politbarometer haben es gerade mal zwei Prozent der Bundesbürger als derzeit wichtiges Thema genannt, und der Hagener Denk, das stellt er klar, gehört nicht dazu. Er habe schließlich ein Eigenheim, das er mit seiner Familie bewohne, sei also weder Mieter noch Vermieter.

          Anders dagegen der Student Kandulski. Er hat lange in Hamburg gelebt, seit Kurzem studiert er in Frankfurt, die beiden Städte sind auf Platz fünf beziehungsweise Platz zwei der deutschen Städte mit den höchsten Quadratmeter-Preisen. Wie soll man sich dort das Wohnen künftig noch leisten können? „Ich will die Enteignung“, fordert der Siebenundzwanzigjährige. Wohnen sei ein Grundbedürfnis, und damit Geld zu verdienen, sei „ein Unding“.

          Denk dagegen sieht den Wohnungsmarkt als Markt wie jeden anderen. Da bestimmten Angebot und Nachfrage den Preis, genauso wie bei Autos, Lebensmittel oder auch Drogen. „Das erlebe ich doch täglich als Geschäftsführer, wenn wir Rohstoffe bestellen wollen.“ Wer niedrigere Mieten wolle, müsse mehr bauen, findet Denk.

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