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„Deutschland spricht“ : „Selbst mit zehn Masken hätte ich nicht das Gefühl, ich trage einen Maulkorb“

Sie kann keine Maske tragen: Ihrem Gesprächspartner von „Deutschland spricht“ erklärt Karin Attner den Grund dafür. Bild: Matthias Lüdecke

Karin Attner kann keine Maske tragen und fühlt sich von der Politik vergessen. Christopher Feiertag befürwortet die Maskenpflicht. Bei „Deutschland spricht“ kommen sie zum Streitgespräch zusammen.

          5 Min.

          Es gibt wenige Menschen, die keine Maske tragen können – eine davon ist Karin Attner. Die 62 Jahre alte Frau hat etwas Traumatisches erleben müssen, das zu intim ist, um hier konkret benannt zu werden. Jedes Mal, wenn sie in der Vergangenheit versucht hat, eine Maske zu tragen, kamen die Erinnerungen daran wieder hoch und sie wurde panisch. Bei ihrem letzten Versuch ist sie in einem Geschäft ohnmächtig geworden und zusammengebrochen. Ihrem Gesprächspartner, Christopher Feiertag, der ihr über Zoom aus Chemnitz zugeschaltet ist, erzählt sie ganz offen davon. Die IT-Managerin Attner sitzt an ihrem Küchentisch in Berlin.

          Alexandra Dehe
          Redakteurin der digitalen Ausgabe der F.A.Z.

          Feiertag ist Befürworter der Maskenpflicht und fühlt sich weder dadurch noch durch andere Corona-Vorschriften in seinem Alltag eingeschränkt. „Für mich persönlich macht es in meiner Lebensqualität nicht den geringsten Unterschied, ob ich mich jemandem auf einem oder fünf Meter nähere“, sagt er.

          Was die Abstandsregel betrifft, gibt Attner ihrem Gesprächspartner recht. Allerdings ist sie der Meinung, dass Abstand allein ausreiche, um sich selbst und andere vor dem Coronavirus zu schützen. Sie findet, dass auf Menschen wie sie, die keine Maske tragen können, zu wenig Rücksicht genommen werde. Sie erzählt, dass sie ohne Mund-Nasen-Schutz zum Arzt gehen wollte, dort aber der Praxis verwiesen wurde.

          Befürwortet die Maskenpflicht: Christopher Feiertag
          Befürwortet die Maskenpflicht: Christopher Feiertag : Bild: Matthias Lüdecke

          Auch andernorts werde sie beschimpft, weil sie keine Maske trage. Attner kritisiert, dass sich die Politik für Menschen wie sie keine Alternative zur Maske habe einfallen lassen. „Für mich ist es eine Mutprobe, irgendwohin zu gehen und zu sagen, dass ich von der Maskenpflicht befreit bin“, sagt sie. Deshalb lebt sie mittlerweile weitgehend zurückgezogen und bittet andere darum, ihre Einkäufe zu erledigen.

          Sie bezweifelt, dass Masken wirklich schützen

          Aus diesem Grund hat sich Karin Attner auf die Suche nach Menschen gemacht, die ebenfalls Schwierigkeiten haben, Maßnahmen wie die Maskenpflicht einzuhalten; sei es aus gesundheitlichen Gründen oder aus persönlicher Überzeugung. Der Austausch habe sie dazu gebracht, sich Gedanken zu machen, erzählt sie. „Was für Gedanken?“, will Feiertag wissen. „Gedanken darüber, wie sinnvoll solche Maßnahmen sind“, antwortet sie. Sie bezweifelt, dass Masken wirklich schützen. Ihr Vater leide schwer an einer chronischen Lungenkrankheit, berichtet Attner, sie mache sich mehr Sorgen, ob er mit einer Maske vor dem Mund noch genug Luft bekomme, als dass er andere anstecken könnte.

          Feiertag teilt Attners Meinung nicht. „Ich nehme Frau Merkel und alle Verantwortlichen in Schutz, weil sie die 84 Millionen sehen“, sagt er. Da sei es zwangsläufig so, dass man keine Rücksicht auf den Einzelfall nehmen könne. Feiertag gibt sich als bekennender CDU-Wähler und Fan der Bundeskanzlerin zu erkennen. Attner kommt, wie sie selbst sagt, „eher aus der links-grünen Ecke.“ Angela Merkels Handeln in der Flüchtlingskrise sei das Einzige, was sie an ihrer Politik gut gefunden habe.

          Feiertag zeigt Verständnis für Attners Situation. Das Gefühl, ein Einzelfall zu sein, kenne er. Er ist mit einem sogenannten „offenen Rücken“, Spina bifida in der Fachsprache genannt, zur Welt gekommen. Aufgrund des Handicaps ist er heute, mit 34 Jahren, bereits in Erwerbsminderungsrente. „Gerade deshalb bin ich dankbar, in einem Land wie Deutschland zu leben, in dem ich nicht für jeden Arztbesuch und jede medizinische Behandlung zahlen muss“, sagt er. Selbst in anderen hochentwickelten Ländern wie den Vereinigten Staaten sei das nicht so. Dem stimmt Attner zu: „Wir haben eigentlich eines der besten Sozialsysteme der Welt“.

          Wie gute Bekannte

          Obwohl sich die beiden Diskutanten im Rahmen von „Deutschland spricht“ an diesem Abend zum ersten Mal am Bildschirm sehen, wirken sie nicht wie Fremde, sondern wie gute Bekannte. Sie zeigen beide deutlich, dass sie sich für die Ansichten des anderen interessieren, ohne ihn von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen.

          Attner im Gespräch mit Feiertag: Obwohl sich die beiden an diesem Abend zum ersten Mal über Zoom sehen, wirken sie nicht wie Fremde.
          Attner im Gespräch mit Feiertag: Obwohl sich die beiden an diesem Abend zum ersten Mal über Zoom sehen, wirken sie nicht wie Fremde. : Bild: Matthias Lüdecke

          „Was sagen Sie dazu, dass es auch Wissenschaftler gibt, die eine andere Meinung haben?“, fragt Attner geradeheraus. „Von denen halte ich gar nichts“, antwortet Feiertag und verweist auf den umstrittenen Mediziner Sucharit Bhakdi. Seine Thesen hält er weder für logisch noch für überprüfbar und daher für extrem bedenklich. Mit den Ansichten der Querdenker kann Feiertag nichts anfangen. „Zur Freiheit gehört immer Verantwortung“, sagt er. Die fehle diesen Menschen oftmals. Seiner Meinung nach seien viele „blank dagegen“, ohne Argumente abzuwägen.

          Attner macht deutlich, dass sie sich selbst nicht zu den sogenannten Querdenkern zählt. Allerdings sympathisiere sie durchaus mit ihnen. Sie erzählt, dass sie Menschen aus der ehemaligen DDR kenne, die die Corona-Einschränkungen an die Verhältnisse von damals erinnern. Feiertag ist sein Unbehagen nun deutlich anzumerken.

          Kurz zögert Feiertag, dann sagt er: „Verzeihen Sie, aber da kriege ich leichten Hass.“ Es sei realitätsfern, die gegenseitige Rücksichtnahme und die Corona-Regeln mit der DDR zu vergleichen. Es handle sich schließlich um Einschränkung der Gesundheit wegen. „Selbst mit zehn Masken hätte ich nicht das Gefühl, ich trage einen Maulkorb“, sagt er und fügt hinzu: „Es gibt heute keine Geheimpolizei, keine politischen Gefangenen, keine Verfolgung von Künstlerinnen und Künstlern aufgrund ihrer Meinung. So schmerzhaft die Einschränkungen sind, so sehr die Wirtschaft  leidet und Existenzen daran kaputt gehen – aber die Ähnlichkeit sehe ich nicht.“

          Attner ist in West-Berlin aufgewachsen: „wortwörtlich noch mit der Mauer im Kopf“, sagt sie. Feiertag ist 1987 in Chemnitz geboren. Auch wenn er die DDR-Zeit nur als Kleinkind erlebt hat, sei ihm das eingeschränkte Lebens- und Freiheitsgefühl von damals noch präsent. Wie es ist, heute in der ehemaligen DDR zu leben, will Attner wissen. „Je städtischer umso offener ist der Osten“, sagt er. Doch in den ländlichen Gegenden fehle es an Offenheit – sowohl im Kopf als auch im Herzen der Menschen.

          Von den drei großen Städten in Sachsen – Leipzig, Dresden und Chemnitz – sei Chemnitz mit Abstand am meisten in der Vergangenheit stecken geblieben, findet Feiertag. „Du merkst an jeder Ecke, dass die Stadt nicht in das westliche Gefüge passen will. Das merkst du an den Leuten und daran, wie schwer sich die Stadt mit Öffnungen und Erneuerungen tut“, sagt er. In der Stadt lebten noch immer zu viele ehemalige DDR-Bürger und zu wenig junge Menschen, die den Westen lieben und schätzen gelernt hätten, führt Feiertag aus. „Deshalb habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu meiner Heimatstadt“, sagt er. Dabei fasst er sich mit dem rechten Zeigefinger an die Stirn, presst die Lippen aufeinander und wirkt plötzlich bedrückt.

          Ein gespaltenes Verhältnis

          Dann geht es ums Impfen. Attner ist dagegen, dass Kinder geimpft werden. „Es gibt neurologische Studien darüber, dass der Sauerstoffmangel für Kinder nicht gut ist“, sagt sie, ohne den Zusammenhang zur Impfung genauer zu erläutern. Kinder seien keine Überträger, deshalb verstehe sie die Diskussion nicht. „Dass Kinder keine Überträger sind, geht mir ein Stück zu weit“, schaltet sich Feiertag ein.

          Zum Schluss fällt das Thema auf den Mietendeckel. Attner lebt seit zehn Jahren in ihrer Kreuzberger Mietwohnung und möchte schon lange ausziehen. Eine bezahlbare Wohnung finde sie in ganz Berlin allerdings nicht – und das, obwohl sie gut verdiene. „Mit dem Mietendeckel habe ich mich etwas sicherer gefühlt“, sagt sie. Auch einen bundesweiten Mietendeckel findet sie sinnvoll.

          „Da unterscheiden wir uns sicher um Welten“, entgegnet Feiertag. Die Situation ist Chemnitz sei aber auch eine ganz andere als in Berlin. In Chemnitz seien die Mieten bezahlbar, erzählt er. Das liege an der Einkommens- und Altersstruktur vor Ort. „Aber ich würde trotzdem lieber in Berlin wohnen. Das ist die deutlich spannendere Stadt“, sagt er. Eine Chance auf dem Berliner Wohnungsmarkt malt er sich allerdings nicht aus. „Vielleicht sollte ich mir überlegen, nach Chemnitz zu ziehen“, sagt Attner mit einem ironischen Unterton. „Das würde ich mir an Ihrer Stelle zehnmal überlegen“, antwortet Feiertag nüchtern.

          Fast zwei Stunden reden Karin Attner und Christopher Feiertag. „Es ist sehr schön, mit Ihnen zu diskutieren, weil man sich trotz gegensätzlicher Ansichten auf einer Ebene begegnet“, sagt Feiertag am Ende des Gesprächs. „Ich denke, wir haben sehr unterschiedliche Sichtweisen darauf, was sinnvolle Maßnahmen sind und was nicht. Aber ich glaube, über das menschliche Wesen sind wir uns sehr einig“, fügt Attner hinzu. 

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