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„Deutschland spricht“ : „Hockey ist die elitärste Sportart, die es auf der Welt gibt“

Ilo Kenji und Christian Wanek nach ihrem Schlagabtausch im Frankfurter Schirn Café. Beide haben sich im Rahmen der Debattenaktion „Deutschland spricht“ frisch kennengelernt. Bild: Wolfgang Eilmes

Vor ihrem Streitgespräch haben sich Ilo Kenji und Christian Wanek noch nicht gekannt. Kontrovers diskutieren sie über Home Office und die Notwendigkeit von Kontrolle. Ein Gesprächsprotokoll.

          5 Min.

          „Nein, Frauen in Deutschland haben nicht die gleichen Chancen wie Männer“, sagt sie. „Doch, Frauen haben die gleichen Chancen“, sagt er. Sie heißt Ilo, eigentlich Ilona, Kenji, ist in den Niederlanden geboren und mit einem Kroaten verheiratet. Er heißt Christian Wanek, hat einen österreichischen Vater und ist deutscher Staatsbürger seit seinem 18. Lebensjahr. Beide treffen im Frankfurter Schirn Café das erste Mal aufeinander, um für die Debattenaktion „Deutschland spricht“ über kontroverse Ansichten zu streiten.

          Ina Lockhart

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          An seiner „Arroganz, dem perfekten Deutsch und am guten Benehmen“ werde sie ihn erkennen, hat Wanek vorab bei der Anmeldung in seinem Steckbrief geschrieben. „Dummheit“ und „Unfähigkeit“ verabscheue er. Kenji schreibt von sich, dass sie „Borniertheit“ hasst und sie ihre Fröhlichkeit und Energie auszeichne. Beides sorgt dafür, dass der Schlagabtausch mit Wanek trotz der schweren Inhalte und oft harten Meinungsfronten eine gewisse Leichtigkeit bekommt.

          „Frauen sind fleißig, Männer machen Karriere“, legt Kenji los, die in einer Führungsposition arbeitet.  

          Kenji: „Auf dem Papier haben die Frauen die gleichen Chancen. In der Praxis kann ich das nicht beobachten. Männer ziehen Männer nach.“  

          Wanek: „Wäre das bei Frauen anders?“

          Kenji: „Das ist Frauen völlig egal.“

          Wanek: „Womit erklärt sich, dass sehr junge Frauen mit großem Enthusiasmus Friseurin werden wollen? Woran liegt das, dass sie sich selbständig machen, um bankrott zu gehen?“

          Christian Wanek versucht, seine Debattenpartnerin Ilo Kenji von seinen Argumenten zu überzeugen.
          Christian Wanek versucht, seine Debattenpartnerin Ilo Kenji von seinen Argumenten zu überzeugen. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Über Chancengleichheit, Bildung und Schullaufbahn kommen die beiden auf das Thema Dienstleistungsgesellschaft. Sie sprechen von einer Erwartungshaltung, die dazu führe, dass von der Schule ein maximaler Service verlangt werde.

          Wanek: „Die Kinder werden in die Kita oder die Schule abgeschoben. Es wird erwartet, dass Frauen arbeiten.“  

          Kenji: „Ich habe bislang niemanden kennengelernt, der mir gesagt hat, dass ich arbeiten soll.“

          Wanek: „Die Frage ist doch, ob Frauen diese zwei Hüte gleichzeitig tragen können.“

          Kenji: „Welche Hüte denn?“

          Wanek: „Früher waren die Frauen zu Hause und haben sich um die Kinder gekümmert. Dann kam das Gejammer über die Teilzeitarbeitsplätze, die es nicht gab. Jetzt gibt es sie, durch Gesetze gepampert. Das ist ein großer Mist, denn dafür gibt es nur eine Rente, mit der die Frauen verhungern. Deswegen muss es jetzt Vollzeit sein. Alles wird delegiert, wo soll das denn hinführen?“

          Kenji: „Wieso kann denn der Mann nicht zu Hause bleiben?“

          Wanek: „Dann hat der Mann keine Rente.“

          Kenji: „In ehelichen Gemeinschaften ist man doch so aufgestellt, dass Rechten und Pflichten verteilt werden – oder habe ich da eine Bildungslücke?“

          Wanek: „Das ist Theorie.“

          Kenji: „Ich versuche, Teil der Lösung zu sein.“

          Diesen Satz wird die Niederländerin im Laufe der Diskussion noch häufiger sagen, wenn Wanek mit seinen Prinzipien argumentiert und seinen Standpunkt eisern verteidigt. Er setzt oft und gerne Spitzen. Bei einer atmet Kenji tief durch und konstatiert „Das war jetzt böse“. Wanek lacht und antwortet: „Ich bin gerne böse.“  

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

          Flüchtlingskrise, innerdeutsche Spaltung oder Klimawandel: Die Liste kontroverser Themen ist lang – doch oft fehlt es an echtem Austausch. Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bringt die F.A.Z. unterschiedlichste Ansichten an einen Tisch. Nun berichten wir über die Gespräche, die zwischen Lüneburg und Darmstadt, Halle und Heidelberg stattgefunden haben.

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          Trotz aller Kontroverse ist in jedem Moment der Debatte zu spüren, dass beide sich ernst nehmen und sich respektieren. Keiner lässt den anderen vom Haken. So wie beim Thema Teilzeit und Chancengleichheit. Kenji setzt hier nach.

          Kenji: „Die Anzahl der Frauen und Männer, die in den Niederlanden in Teilzeitpositionen tätig sind, ist sehr ausbalanciert. Für die Karriere eines Mannes ist es nicht entscheidend, ob er 25 oder 40 Stunden arbeitet. Da müssen wir hinkommen. Es ist erfreulich zu sehen, dass Unternehmen familienfreundlicher werden.“

          Wanek: „Woran machen Sie das fest?“

          Kenji: „Beispielsweise an der zunehmenden Arbeitszeitflexibilisierung.“

          Wanek: „Dann sind Sie sicherlich auch Verteidigerin des Home Office?“

          Kenji: „‘Show face‘ heißt nicht, dass ich arbeite. Da habe ich viele andere Beispiele beobachtet. In dem Punkt ist Umdenken nötig.“

          Wanek: „Ja, aber nicht vorhanden.“

          Kenji: „Sicher ist eine gewisse Präsenzpflicht notwendig.“

          Wanek: „Schöne Grüße an dieser Stelle an unsere lausige IT-Infrastruktur.“

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