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„Deutschland spricht“ : „Was die sich für einen Müll im Internet anschauen können!“

Robert Dieth vor einem leeren Bildschirm – seine Gesprächspartnerin ist nicht gekommen. Bild: Marcus Kaufhold

Robert Dieth, 57, hat bei „Deutschland spricht“ teilgenommen, weil er sich gerne mit anderen austauscht. Als seine Gesprächspartnerin nicht auftaucht, erzählt er uns, was ihn in dieser Corona-Zeit beschäftigt.

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          Das Gespräch verläuft anders als geplant. Weil seine ihm zugeteilte Gesprächspartnerin nicht erschienen ist, erzählt Robert Dieth nun mir, was ihn bewogen hat, an „Deutschland spricht“ teilzunehmen – und was für Gedanken er sich zur Corona-Krise macht. Es sei ihm wichtig, sagt Dieth, dass Menschen mit verschiedenen Meinungen miteinander im Gespräch blieben, einander zuhörten. Wenn es eine Möglichkeit zum Meinungsaustausch gebe, nutze er sie gern. Obwohl wir nicht besonders weit voneinander entfernt sind, in Frankfurt und Rheinhessen, unterhalten wir uns aufgrund der aktuellen Situation per Video. Dieth sitzt in seinem Arbeitszimmer.

          Robert Dieth ist 57 Jahre alt und Fotograf. Früher war er als Journalist hauptsächlich für Essensmagazine tätig, doch als Anfang der 2000er-Jahre die Aufträge in der ganzen Branche einbrachen, wechselte er die Seite: Nun schießt er Fotos für Kunden aus der Gastronomie. Dieth wohnt in einem kleinen 800-Einwohnerdorf zwischen Mainz und Bad Kreuznach. Seine Frau und er hatten die Digitalisierung schon vor Jahren genutzt, um aufs Land zu ziehen. Das sei gerade in dieser Zeit ein „Paradies“, sagt Dieth, er genießt seinen Garten, die Ruhe. „Es ist ganz komisch, äußerlich wird alles angenehmer, der Autolärm, der manchmal zu uns herüberweht, ist weniger geworden, der Fluglärm natürlich auch.“

          Gleichzeitig sei die Welt im Alarmzustand. Dieth merkt das auch persönlich, er beklagt deutliche finanzielle Einbußen, zudem gehören er und seine Frau zu Risikogruppen. „In diesem Spannungsfeld muss man sich irgendwie zurecht finden, das beste daraus machen. Nicht zu misstrauisch sein, aber auch nicht zu naiv.“ Als Freiberufler mache man sich natürlich Sorgen, wenn die Auftragsbücher nicht so gefüllt wären, wie sonst. „Man ist dann natürlich versucht, wie wild Akquise zu betreiben, aber verständlicherweise haben die Leute gerade andere Sorgen.“ Er versuche seine Kunden deshalb so gut wie möglich zu unterstützen, aber das gehe eben auch nicht ewig.

          Was er vor einigen Wochen auf die Fragen geantwortet hat, hat Dieth sich vor dem Gespräch bewusst nicht mehr angesehen. Die Lage ändere sich schließlich ständig, sagt er. „Deshalb überdenke ich auch täglich meinen Standpunkt, versuche mir eine möglichst objektive Meinung zu bilden, die mal eher in die eine, mal in die andere Richtung tendiert“, sagt Dieth. Es sei ihm wichtig zuzuhören, andere Meinungen so stehen zu lassen oder das Positive daran zu sehen. Auch bei Verschwörungstheorien, ohne ihnen dabei allerdings zu sehr auf den Leim zu gehen. „Eine gewisse Skepsis, dass nicht alles völlig unkritisch angenommen wird, finde ich gut. Aber der Bogen wird natürlich vollkommen überspannt.“ Oft sei es eben einfacher, sich eine Lösung zu konstruieren, anstatt sich die eigene Ratlosigkeit einzugestehen. Und gerade im Moment wisse man eben nicht, in welche Richtung es gehe.

          Wenn er sich manche Videos im Internet ansehe, finde er den Ton dort aber beängstigend. Die Aggressivität mancher Bilder und Videos könne er sich nicht anschauen, sagt Dieth. „Jetzt haben alle so viel Zeit – viele werden in Zukunft vielleicht noch mehr Zeit haben, durch Kurzarbeit, Entlassung. Was die sich für einen Müll im Internet anschauen können! Was das mit dem achtsamen Umgang untereinander macht, da will ich echt nicht dran denken“, sagt Dieth.

          In der Corona-Krise sieht er deshalb einen essentiellen Einschnitt, ähnlich wie der nach dem 11. September. „Ich glaube es kann sich sehr viel Positives entwickeln – aber es kann auch in ganz erschreckende Richtungen gehen“, sagt Dieth. Trotz all dem und seiner eigenen unsicheren Situation, versucht er jedoch, nicht in Hysterie zu verfallen. Er verbringt viel Zeit im Garten, macht Yoga, liest und hört Musik.

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

          Unser Land in Zeiten der Corona-Krise: Die Menschen müssen Abstand halten, Eltern, Pfleger und Ärzte sind überlastet, Unternehmer haben Existenzängste. Wie kommt Deutschland wieder raus aus diesem Ausnahmezustand? Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bietet die F.A.Z. ein Forum für kontroverse Meinungen und unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema, das alle beschäftigt.

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