https://www.faz.net/-it7-9zaia

„Deutschland spricht“ : „Deutschland ist bei der Digitalisierung vollkommen hintendran“

Wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen nicht persönlich, sondern per Videoanruf: Wolfgang Glahn debattiert in Karlsruhe mit Lehramtsstudent Amir Nolte (auf dem Bildschirm), der in Leipzig wohnt. Bild: Marcus Kaufhold

Die Leserdebatte „Deutschland spricht“, an der die F.A.Z. teilnimmt, hat Amir Nolte, 26, und Wolfgang Glahn, 58, erstmals zusammengebracht. Online-Unterricht, Tracing App und der besondere Schutz von Älteren sind ihre Streitthemen. Ein Schlagabtausch.

          4 Min.

          Spätestens seit dem Corona-Ausnahmezustand ist für Amir Nolte klar: „Deutschland hat ein Schulsystem auf dem Stand der Weimarer Republik. Und das in einer Welt, in der sich jeden Tag etwas ändert.“ Der Lehramtsstudent aus Leipzig ist sauer. Beispielsweise wenn er sieht, wie einer seiner Nachhilfeschüler im Shutdown der Schulen einfach hängen gelassen wird. „Nichts kommt, keiner kümmert sich.“ Irgendein Angebot an Online-Unterricht gebe es nicht.

          Ina Lockhart

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          An seinem Gesprächspartner prallen Noltes Argumente nicht einfach ab. Wolfgang Glahn hat den jungen Mann gerade über die Debattenaktion „Deutschland spricht“ kennengelernt. Wegen Corona dieses Mal nicht persönlich, sondern nur per Videoschalte. Nolte wird in zwei Wochen 27 Jahre alt, Glahn ist 58 und arbeitet im Forderungsmanagement. Derzeit sitzt der Pfälzer zu Hause, im „normalen“ Leben hat er jeden Tag mit Krankenhäusern und Stadtverwaltungen zu tun.

          Vor dem Schlagabtausch war Glahn eher gegenteiliger Meinung und dagegen, dass Online-Unterricht auch nach der Pandemie ein fester Bestandteil des Lehrplanes wird. Für ihn als Mensch sind Präsenz und das persönliche Miteinander ganz wichtig. Doch der Austausch mit Nolte eröffnet ihm eine neue Perspektive.„Deutschland ist bei der Digitalisierung vollkommen hintendran“, ereifert sich Nolte. Das werde jetzt durch Corona offenkundig. „Deutschland lässt sich von der Digitalisierung abschrecken. Das bestehende System funktioniert, ist die Denke. Aber es geht doch ums Optimieren.“

          Der Student der Sonderpädagogik mit Schwerpunkt Sport befürwortet Präsenzunterricht, sieht Online-Unterricht aber als sinnvolle Ergänzung. In den Wochen, in denen die Schulen allesamt geschlossen sind, wird deutlich, dass es stark von den einzelnen Schulleitern und Lehrern abhängt, wie gut und mit welcher Methodik die Schüler zu Hause betreut werden. „Einige Lehrer engagieren sich und unterrichten online weiter. Andere geben nur ein paar Aufgaben heraus, die die Schüler Woche für Woche zu Hause allein abarbeiten müssen. Diese große Qualitätsspanne müssen wir verdichten.“

          Lehramtsstudent Amir Nolte, hier im Screenshot während des Videoanrufs mit Debattenpartner Wolfgang Glahn, nimmt bereits das dritte Mal an der Aktion „Deutschland spricht“ teil.
          Lehramtsstudent Amir Nolte, hier im Screenshot während des Videoanrufs mit Debattenpartner Wolfgang Glahn, nimmt bereits das dritte Mal an der Aktion „Deutschland spricht“ teil. : Bild: Marcus Kaufhold

          Persönliche Erfahrungen haben Glahn in den vergangenen Wochen an der Konsequenz der Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung zweifeln lassen. Er berichtet von drei Fällen im Familien- und Freundeskreis, die wegen einer Operation in drei verschiedenen Städten während der Pandemie ins Krankenhaus mussten. „Bei keinem von ihnen wurde ein Corona-Test gemacht. Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Jeder von ihnen hätte das gesamte Krankenhaus anstecken können.“ Sein persönliches Fazit: „Es geht hier nicht mehr um Gesundheit, sondern nur um Politik, Wirtschaft und um die Profilierung einzelner Personen.“

          Die mit den jüngsten Lockerungen verbundene Maskenpflicht empfinden beide als kontraproduktiv, weil die Menschen mit den Masken falsch umgingen und angesichts der vermeintlichen zusätzlichen Absicherung die weiterhin geltende Abstandsregel nicht mehr einhielten. „Wenn es schon eine Maskenpflicht gibt, dann sollte in einer Kampagne über das richtige Tragen von Masken aufgeklärt werden“, fordert Nolte ein. „Wenn jeder Abstand hielte, bräuchten wir diese Masken überhaupt nicht“, sagt Glahn. Für ihn kommen die Lockerungen zu früh: „Es hätte noch ein bis zwei Wochen so strikt weitergehen können, um das Infektionsrisiko zu senken.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Langer Winter: Zwei Polizisten am Mittwoch auf dem Roten Platz in Moskau

          Repressionen in Russland : In der Krise wächst die Paranoia

          Corona, eine schwache Wirtschaft und Proteste: Wladimir Putins Machtapparat sieht sich in Russland vielen Krisen ausgesetzt. Und erhöht deswegen den Druck auf Opposition und Zivilgesellschaft.
          Maye Musk ist die Mutter des Unternehmers Elon Musk. Am Donnerstag erscheint ihre Autobiographie „Eine Frau, ein Plan“.

          Maye Musk : „In unserer Familie nimmt niemand frei“

          Wer Elon Musk verstehen möchte, muss seine Mutter Maye kennen lernen. Im Interview spricht sie über Abenteuertouren in der Wüste, ihre Modelkarriere mit 70 und wie sie einst aus Armut auf Dates verzichtete.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.