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„Deutschland spricht“ 2020 : „Wir vergessen, dass die Natur stärker ist als der Mensch“

Gespräche in Zeiten von Corona? Diese Mundschutzmasken simulieren ein Stück Normalität. Bild: dpa

Hat die Bundesregierung richtig reagiert, sind die Einschränkungen verhältnismäßig, wie viel Online-Unterricht sollte auch künftig angeboten werden? Mehrere Tausend Teilnehmer der Leseraktion „Deutschland spricht“ debattieren über Corona und die Folgen.

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          „Unsere Regierung hat die Lage im Griff“, antwortet eine 65 Jahre alte Rechtsanwältin im Ruhestand auf die Frage, was ihr im derzeitigen Corona-Ausnahmezustand Hoffnung mache. Ein anderer wettert dagegen: „Ich bin technischer Angestellter und Bauleiter bei verschiedenen Auslandsprojekten. Wenn ich so wie unsere Regierung Baustellen leiten würde, wäre ich alleine auf der Baustelle.“ Wieder andere bewerten das Krisenmanagement von Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Führungsteam als „teilweise Abschaffung des Grundgesetzes“ und kritisieren die „erhebliche Einschränkung der Freiheitsrechte“.

          Martin Benninghoff
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
          Ina Lockhart
          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Das sind nur einige Stimmen von Menschen, die sich an unserer diesjährigen Leseraktion „Deutschland spricht“ beteiligt haben. Gemeinsam mit unseren Partnermedien – ZEIT und ZEIT ONLINE, der Rheinischen Post, Schwäbischen Zeitung, Chrismon und evangelisch.de – haben wir die Einladung zum Debattengespräch kurzfristig aus der Taufe gehoben. Dafür haben wir unseren Leserinnen und Lesern in den vergangenen zwei Wochen sieben kontroverse Fragen zur Corona-Pandemie gestellt. Fragen wie „Hat die Bundesregierung richtig auf die Corona-Krise reagiert?“, „Halten Sie die bundesweite Maskenpflicht für richtig?“ und „Sollte der Datenschutz gelockert werden, um Infektionsketten schneller verfolgen zu können?“

          Denn wir wollten herausfinden, ob es die starke politische Polarisierung in Corona-Zeiten überhaupt gibt. Jetzt, wo die Zeichen auf Solidarität, Mitmenschlichkeit und Harmonie stehen. Die Antwort lautet kurz und knapp: Ja, es gibt sie, trotz Corona oder gerade wegen Corona. Rund 9000 Leser haben bei der Aktion mitgemacht. Davon treffen sich rund 2000 an diesem Sonntag zum Gespräch, zur Diskussion und zum Streit, wegen der geltenden Kontaktbeschränkungen ausschließlich virtuell in Videokonferenzen auf Zoom, Skype und bei anderen Anbietern. „Deutschland spricht“ findet in diesem Jahr zum vierten Mal statt, die F.A.Z. nimmt zum zweiten Mal daran teil.

          Deutschland spricht
          Deutschland spricht

          Unser Land in Zeiten der Corona-Krise: Die Menschen müssen Abstand halten, Eltern, Pfleger und Ärzte sind überlastet, Unternehmer haben Existenzängste. Wie kommt Deutschland wieder raus aus diesem Ausnahmezustand? Mit der Aktion „Deutschland spricht“ bietet die F.A.Z. ein Forum für kontroverse Meinungen und unterschiedliche Ansichten zu diesem Thema, das alle beschäftigt.

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          Die Teilnehmer zeigen sich 2020 überraschenderweise stärker polarisiert als im Jahr zuvor, als ebenfalls über stark emotionalisierende und nicht minder kontroverse Themen wie Einwanderung, Klimawandel und west- und ostdeutsche Beziehungen gestritten wurde. Bei sieben Fragen insgesamt sind die Leser in diesem Jahr bei durchschnittlich 5,6 Fragen gegensätzlicher Meinung, wobei sich bei einzelnen Fragen eine überwältigende Einstimmigkeit herausschält, derweil andere stark polarisieren. Die größeren Meinungsunterschiede mögen auch am großen geografischen Radius des Teilnehmerfeldes liegen: Im vergangenen Jahr haben wir versucht, Menschen, die nah beieinander wohnen, an einen Tisch zu bringen. Da räumliche Distanz online aber keine Rolle spielt, konnten wir das Teilnehmerfeld nun auf 800 Kilometer ausweiten, was ungefähr der Luftlinie Stralsund-Freiburg (791 Kilometer), Sylt-München (770 Kilometer) oder Flensburg-Passau (744 Kilometer) entspricht und Deutschland daher gut abdeckt.

          Nach der Schockstarre kommt der Streit

          Aber Distanz und die damit einhergehende größere Auswahl sind sicherlich nicht der einzige Grund für die große Bandbreite an Meinungsunterschieden: Nach der Schockstarre, die der weitgehende Shutdown in Deutschland und anderswo ausgelöst hat, nach einem großen Konsens in der Frage, wie mit der Corona-Pandemie umzugehen ist, löst sich die Harmonie in diesen Tagen wieder ein Stück weit auf. An ihre Stelle tritt der Streit um die Frage, wie man wieder in die Normalität zurückkommt, welche Maßnahmen geeignet scheinen, um die Krise medizinisch in den Griff zu bekommen. Während einige Leser „fehlende Exit-Strategien“ bemängeln, antwortet ein anderer Teilnehmer auf die Frage, was ihm seit Beginn der Corona-Krise am meisten Sorge bereitet: „Dass es aufgrund von zu starken Lockerungen zu einem zweiten Ausbruch kommt.“ Auch spüren die Menschen Demut angesichts der Macht des Virus: „Wir vergessen, dass die Natur stärker ist als der Mensch und wir uns unterordnen bzw. anpassen müssen.“

          In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sowie der amerikanischen Johns Hopkins Universität mehr als 7000 Menschen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben, der Zahl von rund 170.000 registrierten Infizierten stehen mehr als 140.000 Genesene entgegen. Trotz der vielen Todesfälle: Im internationalen Vergleich verläuft die Pandemie in Deutschland glimpflich, bezogen auf die Einwohnerzahl hat Belgien die meisten Toten in Europa zu beklagen, gefolgt von Spanien, Italien und dem Vereinigten Königreich. Die Vereinigten Staaten von Amerika beklagen mehr als 76.000 Tote im Umfeld von Corona.

          Der Streit entbrennt auch an der Frage, wie die enormen wirtschaftlichen Schäden abgemildert werden können. In zahlreichen Teilnehmerantworten schwingt die Existenzangst mit. Von „dramatischen wirtschaftlichen Folgen“, „Kollateralschäden“, „einer größeren Rezession“ und „Einkommensausfall insbesondere der Selbständigen“ ist die Rede. Sorgen, die durchaus berechtigt sind: Das Coronavirus hat der Wirtschaft in Europa den größten Einbruch seit der großen Depression nach dem Krisenjahr 1929 beschert, die Frühjahrsprognose der EU-Kommission spricht da eine deutliche Sprache: Im Euroraum werde das reale Bruttoinlandsprodukt 2020 um durchschnittlich 7,7 Prozent schrumpfen, in der Gesamt-EU um 7,4 Prozent. Leise Hoffnung allerdings schwingt mit: Dem Einbruch werde im kommenden Jahr ein kräftiges Plus von 6,3 (Eurozone) und 6,1 (Gesamt-EU) gegenüberstehen, heißt es in der Prognose. Komplett erholt haben werde sich die Wirtschaft in der EU Ende 2021 aber noch nicht.

          Die allgemeinen Wachstumsdaten sagen noch wenig darüber aus, welche Branchen am stärksten betroffen sind: Die Dienstleistungsberufe erleben ihren stärksten Einbruch, vor allem die konsumnahen Branchen wie das Gastgewerbe, aber auch Friseure, die nun wieder unter Auflagen öffnen dürfen. Stark betroffen sind zudem der Tourismus sowie Messeveranstalter und künstlerische Berufe. Dem Baugewerbe geht es weiterhin vergleichsweise gut, die Autoindustrie, für Deutschland traditionell ein Rückgrat, zumal sie stark mit mittelständischen Zuliefererbetrieben verbandelt ist, hat zwar ihre Produktion teilweise wieder hochgefahren, wie schnell sich die Menschen aber wieder entscheiden, Autos anzuschaffen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen.

          Große Unterstützung für Einschränkungen

          Angesichts dieser Schwierigkeiten ist es umso erstaunlicher, dass die Teilnehmer an „Deutschland spricht“ die Einschränkungen des öffentlichen Lebens mit großer Mehrheit befürworten, ungeachtet der gravierenden Folgen für den eigenen Geldbeutel: Mehr als 62 Prozent sind der Meinung, dass hierbei die Verhältnismäßigkeit gewahrt wurde, nur rund 37 Prozent sehen das anders. Die Bundesregierung kann zumindest im Teilnehmerfeld unserer Aktion - das nicht repräsentativ für Deutschland ist - auf große Zustimmung für ihr Krisenmanagement bauen: Zwei Drittel sind der Überzeugung, dass die Regierung von Angela Merkel, ihr Finanzminister Olaf Scholz und die anderen beteiligten Ressortchefs richtig reagiert haben, ein Drittel sehen das Krisenmanagement kritisch. Ähnliche Zustimmungswerte bekommen auch die Informationspolitik der Regierenden sowie die Maskenpflicht, die in Deutschland anders als in manchen asiatischen Ländern, besonders gewöhnungsbedürftig sein dürfte.

          Bei drei Fragen allerdings teilt sich das Teilnehmerfeld deutlich auf. Wenig überraschend beim Thema Datenschutz, das immer polarisiert, erst recht in Deutschland. Mehr als 56,3 Prozent sind der Meinung, dass der Datenschutz keinesfalls gelockert werden sollte, um die Infektionsketten besser nachvollziehen zu können. Die Einführung von entsprechenden Apps ist in Deutschland ein heikleres Thema als beispielsweise in Südkorea, wo die Regierung in Seoul mit weniger Widerstand in der digitalaffinen Bevölkerung zu rechnen haben dürfte. Allerdings sehen das Thema immerhin mehr als 43 Prozent der teilnehmenden Deutschen weniger kritisch.

          Zweigeteilt auch die Antworten auf die Frage, ob älteren und jüngeren Menschen dieselben Einschränkungen auferlegt werden sollten. Eine knappe Mehrheit von 51,7 Prozent folgt der Politik im Bund und den Ländern, die eine Gleichbehandlungen von Jüngeren und älteren Corona-Risikogruppen vorsieht. Der Anteil derer, die dafür plädieren, Älteren beispielsweise eine schärfere Kontaktsperre aufzuerlegen als jungen Familien, fällt allerdings nur ein paar Prozentpunkte geringer aus.

          Überraschend kontrovers fallen auch die Antworten auf die Frage aus, ob Online-Unterricht nach der Pandemie ein fester Bestandteil des Lehrplanes an Schulen bleiben sollte: Immerhin knapp 43 Prozent verneinen das, obwohl doch in der Krise sichtbar ist, wie sehr viele deutsche Schulen hierbei Nachholbedarf haben.

          Altersdurchschnitt gestiegen

          Die Skepsis gegenüber neuen digitalen Möglichkeiten kann allerdings auch am Altersquerschnitt der Befragten liegen. Im vergangenen Jahr lag der Altersdurchschnitt bei knapp 44, im Corona-Jahr 2020 ist der durchschnittliche „Deutschland spricht“-Teilnehmer 53 Jahre alt, rund neun Jahre älter. Woran das liegt, bleibt Spekulation: Triggern die Fragen nach Datenschutz und Online-Unterricht vor allem Ältere, die skeptischer sind als Junge? Oder bleibt den jungen Familienmüttern und -vätern in der Krise, zwischen Job, Kinderbetreuung und Homeschooling, schlicht nicht mehr die Zeit, sich am Computer, Tablet oder Handy an Leseraktionen und Umfragen zu beteiligen? Das bleibt ein Geheimnis ebenso wie die Frage, warum auch in diesem Jahr fast genauso wenig Frauen wie 2019 mitmachen: Ihr Anteil liegt bei nur 30,9 Prozent, 2019 bei 31,3 Prozent. Das mag auch daran liegen, dass der Anteil der männlichen FAZ.NET-Leser etwas höher ist als der der Leserinnen.

          Nicht wenige Leser sehen in der Corona-Krise die Chance, sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen. Eine Leserin schreibt in ihrer Antwort auf die Frage, was ihr derzeit Hoffnung mache: „Die Erkenntnis, dass mit wenigen Alternativen ein immer noch lebenswertes Leben möglich ist.“ Ein anderer zieht daraus Hoffnung, „dass auch ohne ausufernde Strukturen vieles möglich ist und dass Veränderung sehr viel dynamischer gehen kann.“

          Wir berichten hier bei FAZ.NET über einzelne Gespräche und geben Ihnen interessante Einblicke in die Argumente der Teilnehmer.

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