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„Deutschland spricht“ 2020 : „Wir vergessen, dass die Natur stärker ist als der Mensch“

Nach der Schockstarre kommt der Streit

Aber Distanz und die damit einhergehende größere Auswahl sind sicherlich nicht der einzige Grund für die große Bandbreite an Meinungsunterschieden: Nach der Schockstarre, die der weitgehende Shutdown in Deutschland und anderswo ausgelöst hat, nach einem großen Konsens in der Frage, wie mit der Corona-Pandemie umzugehen ist, löst sich die Harmonie in diesen Tagen wieder ein Stück weit auf. An ihre Stelle tritt der Streit um die Frage, wie man wieder in die Normalität zurückkommt, welche Maßnahmen geeignet scheinen, um die Krise medizinisch in den Griff zu bekommen. Während einige Leser „fehlende Exit-Strategien“ bemängeln, antwortet ein anderer Teilnehmer auf die Frage, was ihm seit Beginn der Corona-Krise am meisten Sorge bereitet: „Dass es aufgrund von zu starken Lockerungen zu einem zweiten Ausbruch kommt.“ Auch spüren die Menschen Demut angesichts der Macht des Virus: „Wir vergessen, dass die Natur stärker ist als der Mensch und wir uns unterordnen bzw. anpassen müssen.“

In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sowie der amerikanischen Johns Hopkins Universität mehr als 7000 Menschen im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben, der Zahl von rund 170.000 registrierten Infizierten stehen mehr als 140.000 Genesene entgegen. Trotz der vielen Todesfälle: Im internationalen Vergleich verläuft die Pandemie in Deutschland glimpflich, bezogen auf die Einwohnerzahl hat Belgien die meisten Toten in Europa zu beklagen, gefolgt von Spanien, Italien und dem Vereinigten Königreich. Die Vereinigten Staaten von Amerika beklagen mehr als 76.000 Tote im Umfeld von Corona.

Der Streit entbrennt auch an der Frage, wie die enormen wirtschaftlichen Schäden abgemildert werden können. In zahlreichen Teilnehmerantworten schwingt die Existenzangst mit. Von „dramatischen wirtschaftlichen Folgen“, „Kollateralschäden“, „einer größeren Rezession“ und „Einkommensausfall insbesondere der Selbständigen“ ist die Rede. Sorgen, die durchaus berechtigt sind: Das Coronavirus hat der Wirtschaft in Europa den größten Einbruch seit der großen Depression nach dem Krisenjahr 1929 beschert, die Frühjahrsprognose der EU-Kommission spricht da eine deutliche Sprache: Im Euroraum werde das reale Bruttoinlandsprodukt 2020 um durchschnittlich 7,7 Prozent schrumpfen, in der Gesamt-EU um 7,4 Prozent. Leise Hoffnung allerdings schwingt mit: Dem Einbruch werde im kommenden Jahr ein kräftiges Plus von 6,3 (Eurozone) und 6,1 (Gesamt-EU) gegenüberstehen, heißt es in der Prognose. Komplett erholt haben werde sich die Wirtschaft in der EU Ende 2021 aber noch nicht.

Die allgemeinen Wachstumsdaten sagen noch wenig darüber aus, welche Branchen am stärksten betroffen sind: Die Dienstleistungsberufe erleben ihren stärksten Einbruch, vor allem die konsumnahen Branchen wie das Gastgewerbe, aber auch Friseure, die nun wieder unter Auflagen öffnen dürfen. Stark betroffen sind zudem der Tourismus sowie Messeveranstalter und künstlerische Berufe. Dem Baugewerbe geht es weiterhin vergleichsweise gut, die Autoindustrie, für Deutschland traditionell ein Rückgrat, zumal sie stark mit mittelständischen Zuliefererbetrieben verbandelt ist, hat zwar ihre Produktion teilweise wieder hochgefahren, wie schnell sich die Menschen aber wieder entscheiden, Autos anzuschaffen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen.

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