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Sexismus bei der WM : Der Fußball gehört euch nicht

  • -Aktualisiert am

Miss Kolumbien trat bei der Wahl zur „Miss WM 2018“ an. Misswahlen – auch so ein zivilisatorisches Missverständnis. Bild: dpa

Durch die WM ist ein erschreckender Sexismus ausgebrochen: Emanzipation, ja ja, aber sobald Fußball läuft, sollen Frauen doch wieder Kuchen backen und die Klappe halten.

          Es fing schon vor dem ersten Spiel an. Da postete der Bayerische Rundfunk auf Facebook die Erklärung „Abseits für Mädels“, bei dem die Regel am Beispiel eines Schuhgeschäfts erklärt wurde. Sie wissen schon, weil Frauen, pardon, Mädels sich bekanntlich nur für Schuhe interessieren. Was dann geschah, wiederholte sich bei einigen weiteren Marketing-Posts zur WM: Menschen reagierten empört, das Unternehmen erklärte, das sei doch witzig gemeint gewesen, und löschte den Quatsch.

          Aber es kamen dauernd neue nach. Dr. Oetker empfahl Frauen, ihren Männern Kuchen in Fußballform zu backen. „Back deinen Mann glücklich – auch wenn er eine zweite Liebe hat.“ Telekom Sport veröffentlichte ein Bullshit-Bingo mit dummen Frauensätzen beim Fußball, alle etwa in der Güteklasse „Auf welches Tor müssen wir schießen?“. Und Burger King loste in Russland einen Preis aus für Frauen, die von WM-Spielern schwanger würden. Gleichzeitig entbrannte eine ganz erstaunliche Diskussion über die Frage, ob Frauen überhaupt Männerfußball fürs Fernsehen kommentieren dürfen, weil einige sich an Claudia Neumann stören, einer Fußball-Kommentatorin mit jahrzehntelanger Erfahrung, die nun endlich zum ersten Mal bei WM-Spielen ans Mikrofon darf.

          Da drängen sich ein paar Fragen auf: Sind die denn alle noch zu retten? Kommt eine Marketingabteilung wirklich nicht auf die Idee, ihre vermeintlich lustigen Postings mal darauf zu überprüfen, ob sie beleidigende Klischees propagieren (und darüber hinaus einfach bestürzend unlustig sind)? Hat man jemals eine Armada von Frauen beobachtet, die in den sozialen Medien ausfallend wurden, weil ein Mann das WM-Finale im Eistanz der Damen kommentiert hat? Wenn Fußball wirklich nur was für echte Männer ist, warum brechen Spieler dann manchmal weinend zusammen, wenn sie am Trikot gezupft wurden? Und hören sich Leute, die die Stimme von Claudia Neumann so unangenehm finden, dann wirklich gerne den in spannenden Situationen wie einen brünftigen Hirsch röhrenden Béla Réthy an?

          Hinter diesem ganzen frauenfeindlichen Unsinn steckt nichts anderes als die Verteidigung männlicher Domänen. Dass es allmählich angezeigt ist, Frauen im Beruf, im Kabinett und in der Gesellschaft ihren Platz einzuräumen, dass man sie nicht mehr einfach ungestraft betatschen darf und dass sie sogar sicherer Auto fahren als Männer – das kommt ganz langsam bei der Mehrzahl der Männer an. Aber sobald die Fußball-WM beginnt, scheinen einige das zu vergessen. Fußball, Bier und Grillwürste! Das ist Männersache, da haben Frauen nichts zu suchen! Schließlich haben sie eh keine Ahnung. Und wenn sie doch mal unbestreitbar Ahnung haben, so wie Claudia Neumann, spricht man ihnen die entweder ohne Begründung ab, oder man kritisiert ihre angeblich monotone Stimme – und am Ende eben generell die Tatsache, dass sie eine Frau ist und deshalb angeblich nur Frauensport kommentieren soll.

          Dabei interessieren sich nun mal viele Frauen für Männerfußball. Die Grenze zwischen Fußballfans und -ignoranten verläuft nicht zwischen Männern und Frauen, sondern sie verläuft exakt zwischen denen, die sich auskennen, und denen, die sich nicht auskennen. Auf beiden Seiten gibt es sowohl Männer als auch Frauen. Aber irgendwie rät keiner in einem lustigen Marketing-Posting den Männern, ihren fußballbegeisterten Frauen doch auch mal ein Bier vor den Fernseher zu bringen. Warum eigentlich? Dass Frauen Fußball auch lieben, sollte doch international bekannt sein: Im Iran verkleiden sich Frauen mit Bärten und riskieren verhaftet zu werden, um ein Fußballspiel im Stadion anschauen zu können. In Saudi-Arabien haben sich die Frauen das Recht auf Stadionbesuche mühevoll erkämpft. Und bei uns, in unserem aufgeklärten, offenen Industrieland, tun Männer ernsthaft immer noch so, als interessierten Frauen sich nur für Schuhe. Das ist erbärmlich. Fußball gehört niemandem. Nicht der Fifa, nicht Putin und nicht den Männern. Und die Abseitsregel erklärt man bitteschön immer noch mit Bierdeckeln.

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