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Brüsseler Brexit-Blues : Goodbye Tristesse

  • -Aktualisiert am

Nehmt Abschied: Am Tag, an dem das Europaparlament den Brexit-Vertrag beschließen wird, fließen unter proeuropäischen Briten Tränen. Viele wissen noch nicht, wie es für sie persönlich weitergeht. Geschweige denn, wohin ihr Land steuert. Bild: Jens Gyarmaty

Paparazzi jagen einen Union Jack. Abschiede werden zum Leichenschmaus. Nigel Farage hat seine Putin-Tasse noch nicht weggepackt. Was unser Fotograf Jens Gyarmaty rund um den Brexit in Brüssel entdeckte.

          1 Min.

          Eine besondere Ironie am Brexit ist, dass sich in Britannien zunächst gar nichts geändert hat. Bis zum Ende dieses Jahres müssen sich die Briten an alle EU-Regeln halten und ihren Beitrag zum EU-Haushalt leisten. Touristen können einreisen wie bisher, auch der Warenverkehr fließt wie gehabt. Der neue Tag, dessen Anbruch Boris Johnson und viele weitere Politiker ihren Landsleuten in leuchtenden Farben ausmalten, er glich am Samstag doch sehr dem gestrigen.

          Bemerkbar hat sich das historische Ereignis eigentlich nur im Brüsseler Europaviertel gemacht. Dort nahmen britische Europaabgeordnete Abschied, teils triumphal, teils tieftraurig. Dort wurden Union Jacks niedergeholt und durch Europafahnen ersetzt. Dort spülten vom zähfließenden Brexit zermürbte Beamte ihren Frust am Freitagabend mit belgischen Bieren und französischen Weinen herunter.

          Und dort streifte der Fotograf Jens Gyarmaty im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nun tagelang durch Straßen und Flure, schlich sich in Dienstzimmer, schmuggelte sich auf Abschiedsfeiern und spähte in Umzugskisten – um zu dokumentieren, was vom Brexit übrig blieb.

          „Wir kommen wieder“ steht (unter anderem) auf den Plakaten, mit denen eine Bar am Place du Luxembourg, drei Gehminuten vom Europaparlament,  in der Brexit-Nacht ihre Wände tapeziert hatte. Ein klares Signal an alle Überzeugungseuropäer: Hier seid ihr nicht allein.
          An Kameraleute und Reporterpulks ist man in Brüssel gewöhnt, nur nicht an dieser Ecke. Die Leute hinter den Kameras warten diesmal auch nicht auf die Limousine eines Ministerpräsidenten oder auf die Kommissionspräsidentin. Sondern darauf, dass irgendwann jemand kommt, um die britische Fahne niederzuholen.
          ...und irgendwann kommt jemand, um den Union Jack niederzuholen. Es ist die Flagge ganz rechts auf der Rue Wiertz am Europäischen Parlament, denn die Reihenfolge richtet sich nach dem offiziellen Namen des Landes in dessen Amtssprache. Das reichte bisher von „Belgique/België“ bis „United Kingdom“ und hört jetzt bei „Sverige“ auf.
          Ein paar Tage vorher hatte der britische Konservative Daniel Hannah in seinem Brüsseler Abgeordnetenbüro 03U047 seine letzten Akten und Habseligkeiten in Umzugskisten gepackt. Wie jeder Europaabgeordnete ist er Umzüge gewohnt: Einmal im Monat ging es für eine Sitzungswoche nach Straßburg und zurück; eine der für den Aktentransport vorgesehenen Kisten steht vor Hannahs Tür. Vermutlich darf er sie nicht mitnehmen. Sogar die Kartons will das Europaparlament zurückhaben, das steht jedenfalls darauf. Ob das klappt?
          Wer in Brüssel arbeitet, der vergisst nicht, wo er ist: in Europa! Auch nicht beim Blick in den Sitzungssaal des Europaparlaments im Altiero-Spinelli-Gebäude. Links die Fahne mit den zwölf Sternen als Sinnbild der Vollkommenheit. Rechts das Logo des Parlaments, in dem zwar keine Engländer mehr sitzen, aber immer noch viel Englisch gesprochen wird.
          So oft kommt es nicht vor, dass es unter den Augen der Dolmetscher in ihren Kabinen rund um den Raum PHS 3C050 rührselig zugeht. Am Mittwoch vor dem Brexit aber trafen sich hier die sozialdemokratischen Abgeordneten mit ihren scheidenden Labour-Kollegen und deren Mitarbeitern. Man herzte sich und gab sich auch auf Schals unbedingt europäisch-einig.
          Always United, für immer vereint: Kurz bevor auch das Europaparlament den Brexit-Vertrag billigt, ist unter den gescheiterten „Remain“-Fürsprechern in der Labour Party das Bedürfnis zum Schulterschluss besonders groß.
          29. Januar 2020, soeben hat das Europäische Parlament mit überwältigender Mehrheit den „Deal“ gebilligt, den Vertrag zur Regelung des britischen EU-Austritts, um den in London und Brüssel so lange gerungen worden war. Drei Brexit-Befürworter von der Insel scheren sich spätestens jetzt nicht mehr darum, ob es sich ziemt, im Plenarsaal zu Brüssel mit Schaumwein anzustoßen.
          Altiero Spinelli hat schon viele kommen sehen, erstmals sieht er nun ein Mitgliedsland davonziehen. Der italienische Kommunist (1907–1986) wird zu den Gründungsvätern des vereinigten Europas gezählt; er war sechs Jahre lang EU-Kommissar und saß danach zehn Jahre lang im Europäischen Parlament. Nach ihm ist das größte der Gebäude im Brüsseler Komplex des Europaparlaments benannt.
          Wer ist noch nicht, wer will noch weg? In einem Anbau des Spinelli-Gebäudes, benannt nach Willy Brandt, lagen Mitte der Woche noch reichlich Umzugskartons für britische Heimkehrer bereit.
          London Time – wird das in Brüssel bald noch maßgeblich sein? Man muss und will sich mit den britischen Freunden ja noch oft verabreden. Die „Greenwich Mean Time“ bleibt der EU ohnehin erhalten. Vielleicht tauscht ja einer das London-Schild gegen eines aus, auf dem Dublin, Lissabon oder Gran Canaria steht. Bei der Gelegenheit könnte man auch versuchen, die beiden Sekundenzeiger wieder in Takt zu bringen – oder, um es europäischer zu sagen: sie zu harmonisieren.
          Da ging es dann doch noch wilder zu als beim Warten auf den Flaggentausch: Nicht nur britische Pressefotografen interessierten sich am 29. Januar für Nigel Farage, den Chef der Brexit Party, als er zum vermutlich letzten Mal das Gebäude des Europäischen Parlaments verließ.
          Die wenigsten Abgeordneten werden Nigel Farage vermissen, dessen Clownerien der Mehrheit der Europapolitiker gehörig auf den Geist gingen. Hier könnte man meinen, er plane einen Sprung ins Londoner Ministry for Silly Walks, um dort John Cleese nachzueifern. Vermutlich wollte er aber nur seine patriotischen Socken vorzeigen. Die allfälligen Europasocken aus den allfälligen Brüsseler Europa-Giftshops sind seine Sache nicht.
          Was bleibt Brüssel von Farage? Ein paar Europaskeptiker aus anderen EU-Staaten haben sich gewiss vorgenommen, seinen Geist im Plenum weiterleben zu lassen. Ansonsten: ein paar Filzstifte und Teebeutel, ein Löffel und ein Kamm – olles Zeug, das Farage dem Europäischen Parlament hinterlassen hat, und zwar in der Kiste, die eigentlich für den monatlichen Straßburg-Umzug gedacht war.
          Noch einmal Nigel Farage, Chef der Brexit Party, Büro 07U014, nur Stunden vor dem Brexit. Noch ist er nicht weg, noch hat er nicht alles gepackt, noch steht da seine Putin-Tasse, ausgerechnet neben einem Buch über die polnische Division 303 – „die vergessenen Helden des Zweiten Weltkriegs“. Ein Buch aus eigener Feder liegt auch bereit. Für wen sind die Schnuller?
          Eine der größten Fragen in Brüssel lautet seit jeher: Quo vadis Europa? Schilder im Spinelli-Gebäude des Europäischen Parlaments versuchen sich an einer Antwort. Wenn das nicht hilft, hilft vermutlich nur noch Meditation (geradeaus, dann rechts).
          Seb Dance war bis vor wenigen Tagen Europaabgeordneter der Labour Party. Einmal hat er es mit Foto auf die Titelseite der britischen Zeitung „The Guardian“ gebracht – indem er Nigel Farage mit einem „Er belügt euch“-Schild die Schau stahl. Drei Jahre ist das her, wie die Ausgabe der Zeitung beweist. Sie zählt zu den letzten, vielleicht wertvollsten Dingen auf dem Brüsseler Dienstschreibtisch von Dance, die der Brite am Dienstag vor dem Brexit noch nicht weggepackt hat.
          Drei Stunden Abschied waren am Dienstag vor dem Brexit vorgesehen, um sich von den britischen Abgeordnetenkollegen und deren Mitarbeitern zu verabschieden. Man legte Wert darauf, dass die zwei Ausrufezeichen hinter „Party“ kein Ausdruck von Glücksgefühlen wegen des Brexits seien.
          Und auch auf der Party in seinem Büro WIB 02M099 kann der Liberaldemokrat Chris Davies gar nicht oft genug hervorheben, dass Sekt, Chips und Wein nicht ausgeschenkt würden, um den Brexit zu bejubeln, sondern im Gegenteil, um seinen eigenen „politischen Tod“ zu betrauern.
          Brexit als Brüsseler Stillleben: Politischer Leichenschmaus eines enttäuschten Remainers am Ende seiner Abgeordnetenkarriere
          Drei Präsidenten müssen es sein: Charles Michel (Europäischer Rat), David Sassoli (Parlament) und Ursula von der Leyen (Kommission) versuchen, am Tag des Brexits europäische Zuversicht zu verbreiten. „Parlamentarium“ heißt das Brüsseler Gebäude, in dessen Untergeschoss das stattfindet.
          Michel Barnier lauscht den drei Präsidenten im „Parlamentarium“ und wirkt dabei ein bisschen einsam. Die Mission des Brexit-Unterhändlers der Kommission ist aber noch nicht beendet. Denn jetzt leitet er die „Task Force für die Beziehungen der Europäischen Union mit dem Vereinigten Königreich“, und da gibt es jetzt viel zu klären.
          Die zwölf Sterne zieren auch die Amtskette der Saaldiener im Europäischen Parlament. Zugegeben: In Sachen Prunk und Uniformen hat das Vereinigte Königreich dann doch die Nase vorn.
          Nach der Pressekonferenz im Parlamentarium, die Reporter sind schon wieder weg und die drei Präsidenten sowieso, werden die Absperrungen weggeräumt und die Fahne zusammengefaltet – eine Aufgabe für die Saaldiener.
          Wenn alles gesagt, alles verpackt und ihre Leben als britischer Europaabgeordneter ein für allemal vorbei ist – dann hinterlassen die scheidenden Parlamentarier einfach ihre Büroschlüssel auf ihren Schreibtischen und machen sich davon. Das Licht macht offenbar niemand aus. Warum auch? 27 Mitgliedstaaten sind ja noch da.

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