https://www.faz.net/-gpc-acgd0

Die von Ihnen angeforderte Seite kann leider nicht ausgeliefert werden. Das tut uns leid. Interessiert Sie eine andere Geschichte von der aktuellen FAZ.NET-Homepage?

David Dushman gestorben : Befreier von Auschwitz

Im Mai 2015: David Dushman bei einer Veranstaltung in Berlin Bild: AP

Der ehemalige sowjetische Soldat David Dushman ist in München gestorben. Am 27. Januar 1945 hatten er und andere sowjetische Soldaten im Vorbeifahren Auschwitz befreit.

          2 Min.

          Keiner der Soldaten ahnte, welch monströsen Ort er da vor sich hatte. Die Männer gehörten zur 1. Ukrainischen Front der Roten Armee. Einer von ihnen, der 21 Jahre alte Panzerfahrer David Dushman, hatte soeben einen Elektrozaun niedergewalzt, als Gestalten zwischen den Baracken auftauchten, mit riesigen Augen, weil die Gesichter so schmal waren, wie Dushman später erzählte. „Wir warfen ihnen unser Essen zu und fuhren sofort weiter.“ Ihr Ziel war Berlin, das sie vom Nazi-Regime befreien sollten.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          David Dushman und die anderen sowjetischen Soldaten hatten an jenem 27. Januar 1945 im Vorbeifahren Auschwitz befreit. Im Stammlager, in Birkenau und im Arbeitslager Monowitz befanden sich damals nur noch etwa 7600 Überlebende. Die restlichen fast 60.000 „arbeitsfähigen“ Gefangenen waren auf einem Todesmarsch gen Westen, die Krematorien hatte man kurz zuvor gesprengt, die deutschen Wachleute, welche die Zurückgelassenen noch töten sollten, waren auf der Flucht. Dushman erfuhr erst Monate später, was „Auschwitz“ war und dass er ganz zufällig zu einem der Befreier des Vernichtungslagers geworden war. Ausgerechnet er, wie er sagte: ein Jude.

          Dushman war am 1. April 1923 als Sohn eines jüdischen Militärarztes in der Freien Stadt Danzig geboren worden. Wie sein Vater, der während der stalinistischen Säuberungen im Jahr 1938 in ein Lager kam, wo er nach zehn Jahren starb, ging der Sohn zur Roten Armee. Er kämpfte in der Schlacht von Stalingrad und war auch bei der letzten deutschen Großoffensive, der Schlacht von Kursk, dabei. Das Kriegsende erlebte er in Berlin. Hochdekoriert kehrte er 1945 in die Sowjetunion zurück, wo er sich seiner großen Leidenschaft, dem Fechten, widmete. Seine Waffe war der Degen. Schon 1952 wurde er Trainer der Frauen-Nationalmannschaft der Sowjetunion und blieb es bis 1988.

          Bei den Olympischen Spielen 1972 in München erlebte er die Geiselnahme der israelischen Sportler durch palästinensische Terroristen aus nächster Nähe mit. „Wir wohnten genau gegenüber der israelischen Mannschaft“, sagte Dushman der Jüdischen Allgemeinen anlässlich seines 95. Geburtstags. „Wir hörten die Schüsse und das Brummen der Hubschrauber über uns.“ Bei der misslungenen Befreiungsaktion kamen 17 Personen ums Leben, unter ihnen war der Trainer der israelischen Fechtmannschaft, André Spitzer, den Dushman seit Langem gut kannte.

          Noch ein Ereignis brachte den Russen auch im hohen Alter noch zum Weinen: der Tod des sowjetischen Florettfechters Wladimir Smirnow im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1982 in Rom. Smirnow wurde bei einer „Attaque Simultanée“ auf der Planche von seinem Gegner, dem deutschen Olympiasieger Matthias Behr, so schwer verletzt, dass er einige Tage später starb. Behrs abgebrochene Klinge war durch die Maske in Smirnows Auge und sein Gehirn eingedrungen. Dushman war der Erste, der den verzweifelten Behr in die Arme nahm und versuchte, ihn zu trösten: „Du kannst nichts dafür. Ein solches Unglück ist von Gott vorbestimmt.“

          Nach dem Fall der Mauer zogen Dushman und seine Frau Zoja ausgerechnet in das Land des einstigen Erzfeindes, nach München. Darauf angesprochen, sagte er: „Wir haben nicht gegen die Deutschen gekämpft, sondern gegen den Faschismus.“ In seiner Wahlheimat engagierte er sich als Fechtmeister im Olympischen Fechtclub München und in der Israelitischen Kultusgemeinde, deren Ehrenmitglied er am 1. April 2021, seinem 98. Geburtstag, wurde. Am Samstag ist Dushman, der letzte noch lebende Befreier von Auschwitz, in München gestorben.

          Weitere Themen

          Hoffnung für den Investitionsschutz

          FAZ Plus Artikel: Einspruch exklusiv : Hoffnung für den Investitionsschutz

          Die Entwicklungen im europäischen Investitionsschutz stimmen optimistisch. Aber wenn die EU verhindern möchte, dass Unternehmen ihre Investitionen künftig über außereuropäische Länder strukturieren, führt an einer Gleichstellung innereuropäischen und außereuropäischen Investitionsschutzes kein Weg vorbei.

          Topmeldungen

          Ein Airbus der Lufthansa landet im November 2020 auf dem Berliner Flughafen Tegel.

          Klimaschutz : Rettet die Inlandsflüge

          Ein Verbot von Inlandsflügen, wie es zuletzt in Frankreich beschlossen wurde, ist der falsche Weg zum Klimaschutz. Es gibt andere, bessere Möglichkeiten.
          Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.

          Kennwerte der Corona-Pandemie : Neue Zahl, neues Glück?

          Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.
          Am 18. Juni in Teheran: Ebrahim Raissi winkt den Medien zu, nachdem er seine Stimme in einem Wahllokal abgegeben hat. Die Wahl gewann er.

          Irans neuer Präsident : Schlächter und Schneeflocke

          Nächste Woche tritt Ebrahim Raissi sein Amt als iranischer Präsident an. Mit ihm zerbricht der Mythos vom reformfähigen Regime. Weiß der Westen, mit wem er es zu tun bekommt? Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.