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Russland ist ein Banditenstaat : Ein ganzes Land macht sein Testament

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„Das Orchester ,W’ erwartet dich“, heißt es auf diesem Werbeplakat für die auch im Ukrainekrieg eingesetzte russische Privatarmee „Wagner“ in einer Wohngegend im süd­sibirischen Altai-Gebiet, das sich an Männer ab 24 Jahren richtet. Aus depressiven Regionen wie dieser kommen besonders viele Freiwillige in dem Feldzug, weil für sie der Sold und – im Fall ihres Todes – die Entschädigungszahlungen an die Familie einen echten sozialen Aufstieg bedeuten. Bild: Meduza

Selbstmord und Sabotage in einem repressiven Banditenstaat: Die russische Heimatfront im Ukrainekrieg geht quer durch die Nationen und Familien. Menschen bereiten sich aufs Gefängnis vor, mysteriöse Brandstiftungen nehmen zu. Ein Gastbeitrag.

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          Das heutige Russland wird oft mit Hitler-Deutschland oder Stalins Sowjetunion verglichen, doch hat Putins Diktatur nicht ganz das Ausmaß ihrer Vorgänger erreicht, obwohl das nur ein kleiner Trost ist. Es handelt sich um ein völlig pervertiertes, zugleich zynisches, totalitäres Regime ohne jegliche Ideologie. Dem Regime ist es egal, welcher Nationalität man angehört, welchen Glauben man hat oder welche politischen Ansichten – Hauptsache, man ist loyal. Das gilt auch für die Außenpolitik: Wer loyal ist, ist ein Freund, wer nicht, ist ein Feind. Und die russische Regierung schaltet die Illoyalen physisch aus, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes.

          Putins Gangsterregime ist ein Horroramalgam aus sowjetischem Sicherheitsapparat und Gruppierungen der organisierten Kriminalität aus den Neunzigerjahren. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Rhetorik des Kremls zu einer Art Gangsterjargon auch auf der diplomatischen Ebene radikalisiert. Menschenleben und humanitäre Werte sind den Leuten an der Macht egal, das Verfolgen zivilisierter Lösungsansätze halten sie für einen Ausdruck von Schwäche, und mit dieser simplen Idee infizieren sie das Volk. In Putins prägenden Jahren als Politiker wurden Tausende von Menschen in einer konstant steigenden Gewaltspirale getötet – in Konflikten diverser Mafiastrukturen sowie durch staatliche Gewalt, was oft nicht zu unterscheiden war. Aus der Rückschau liest sich Putins Machtübernahme wie ein Reenactment von Bert Brechts „Karriere des Arturo Ui“, wie der russische Titel des Stückes heißt, das den Aufstieg einer Gangsterclique durch Terror und „legale“ Verbindung mit der Wirtschaft zur Erlangung der politischen Macht zeigt.

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