https://www.faz.net/aktuell/das-beste-von-fplus/die-besten-faz-artikel-der-woche-18043369.html

Das Beste lesen mit F+ : Georgischer Wein und Flüssiggas für Deutschland

Allein der Chemiepark Leuna verbraucht fünf Terawattstunden Gas im Jahr. Bild: AFP

Mit unserem Angebot F+ erhalten Sie jeden Monat Zugriff auf mehr als 800 exklusive Beiträge auf FAZ.NET. Unter anderem auf diese beliebtesten Stücke der Woche.

          2 Min.

          Robert Habeck steckt in einem Dilemma. Angetreten, das fossile Zeitalter schneller als geplant zu beenden, fliegt jetzt ausgerechnet der grüne Wirtschaftsminister in der Welt herum, um neue Erdgas- und Ölquellen aufzutun. Das Versäumnis, rechtzeitig auf Flüssiggas (LNG) umzusatteln, geht aber nicht nur auf politische Kurzsichtigkeit zurück, es hat auch mit dem Markt zu tun, wie unser Berliner Wirtschaftskorrespondent Christian Geinitz treffend feststellt: Als vor zwei Jahren in Wilhelmshaven ein Terminal entstehen sollte, scheiterte das Vorhaben an hohen Flüssiggaspreisen. Noch kann Deutschland die Ausfälle ausgleichen. Das liegt auch am milden Wetter und den hohen Preisen, die Privat- und Industriekunden zum Sparen zwingen. Doch erst im Herbst entscheidet sich, ob die Loslösung von Russland gelingt. Unternehmen müssen sich auf Rationierungen und die Gaszuteilung durch die Bundesnetzagentur einstellen, Privatverbraucher auf steigende Preise und kühlere Zimmer. Die Einsicht fällt schwer, ist aber unabweisbar: Europa befindet sich im Krieg, ohne Verzicht und Wohlstandsverluste wird es nicht gehen.

          Carsten Knop
          Herausgeber.

          In einem weiteren Stück hat Geinitz sich die betroffenen Produktionsabläufe in der chemischen Industrie genauer angeschaut. Heikel ist die Lage nämlich nicht nur in der inzwischen berühmten Raffinerie Schwedt, sondern auch in anderen Teilen Ostdeutschlands, genauer in Sachsen-Anhalt. In Leuna südlich von Halle steht eine große Rohölraffinerie des französischen Total-Konzerns, die bisher aus derselben Pipeline und vom selben Lieferanten versorgt wird wie Schwedt, vom russischen Staatskonzern Rosneft. In der Nachbarschaft befindet sich der Chemiepark Infra-Leuna, der neben den Ölprodukten auch Unmengen russischen Gases verbraucht. Allein der Chemiepark verbraucht fünf Terawattstunden Gas im Jahr. Erhält der Chemiepark nicht ausreichend Gas, würde das – ähnlich wie in der Glasindustrie – zum einen den Kapitalstock schädigen, große Anlagen könnten dann dauerhaft ramponiert werden. Zum anderen geriete die gesamte Wertschöpfungskette in Schieflage: Ohne die Grundlagen aus Sachsen-Anhalt würden die Elektrotechnik, der Maschinen- und Autobau und auch die Landwirtschaft in einen Abwärtsstrudel gerissen. Ein noch hungrigerer Gasverbraucher als Infra-Leuna ist SKW Piesteritz mit 14 Terawattstunden im Jahr; der Chemiemarktführer BASF braucht in Ludwigshafen 37 Terawattstunden. SKW stellt aus Methan Ammoniak und dann Harnstoff her. Dieser kommt in Düngern zum Einsatz, vor allem aber zur Abgasnachbehandlung mit Adblue. Praktisch alle modernen Dieselfahrzeuge sind darauf angewiesen, Autos ebenso wie Lastwagen. Ohne den Stoff bleiben sie liegen.

          „Mein schönstes Ferienerlebnis im vergangenen Jahr war ein Abend in Butscha.“ Das schreibt Tobias Münchmeyer, Geschäftsführer des Caucasus Nature Fund in Tiflis in Georgien in einem Gastbeitrag für uns: „Dort gibt es einen kleinen See. Und in dem See eine winzige, mit hohem Gras bewachsene Insel, zu der man an einer seichten Stelle hinüberwaten kann. Ein heißer Augusttag. Picknick auf der kleinen Lichtung mit der Großfamilie von Taras, einem Kiewer Freund von mir, samt Kindern und Freunden, aus der Ukraine, aus Polen, aus England. Wir gehen baden. Als es dunkel wird, kochen wir über einem kleinen Feuer Plow, das usbekische Reisgericht, das alle miteinander verbindet. Es fließt der georgische Wein, den ich mitgebracht habe. Und als der Mond aufgeht und Butscha erleuchtet, stimmt die Familie an zu einem Gesang, so wunderbar polyphon und warm, so vertraut und fremd zugleich, so sehnsüchtig. Als wir gegen Mitternacht zurückwaten und sich der helle Sternenhimmel im Wasser spiegelt, denke ich: Es gibt einfach Orte, die gesegnet sind. Ein halbes Jahr später heben russische Soldaten ein paar Meter weiter ein Massengrab aus.“ Butscha und Mariupol erschüttern die Welt. „Aber hier, im Kaukasus, in Georgien, wo ich heute lebe, trifft Butscha auf frische Erinnerung, auf offene Wunden“, Münchmeyer beschriebt sie. Ein lesenswertes Stück, auch mit Blick auf die Frage ob und wie man sich gegen russische Aggression wehren kann und sollte.

          Viele Grüße aus der Redaktion, vielen Dank für Ihr Interesse an unseren digitalen Angeboten. Wenn Sie Fragen zu F+ haben, schreiben Sie mir gerne: c.knop@faz.de,

          Ihr Carsten Knop

          Herausgeber
          Frankfurter Allgemeine Zeitung

          Weitere Themen

          Das sagen Protestierende zum US-Abtreibungsurteil Video-Seite öffnen

          „My body, my choice“ : Das sagen Protestierende zum US-Abtreibungsurteil

          In zahlreichen US-Städten sind tausende Menschen gegen die Abschaffung des Rechts auf eine Abtreibung durch das Oberste US-Gericht auf die Straße gegangen. Demonstranten aus Boston, Washington, Los Angeles und St. Louis erzählen, was sie von der Entscheidung des Supreme Courts halten.

          Wie kühlen wir unsere Städte?

          Anpassung an den Klimawandel : Wie kühlen wir unsere Städte?

          Erst langsam wird vielen klar, was der Begriff Klimaanpassung eigentlich bedeutet. Nämlich: sich für eine Zukunft zu rüsten, die unausweichlich kommen wird. Und damit Leben zu retten.

          Topmeldungen

          Wer traut sich bei großer Hitze noch auf die Straße?  Die fast menschenleere Ben-Gurion-Straße am Potsdamer Platz (Archivbild)

          Anpassung an den Klimawandel : Wie kühlen wir unsere Städte?

          Erst langsam wird vielen klar, was der Begriff Klimaanpassung eigentlich bedeutet. Nämlich: sich für eine Zukunft zu rüsten, die unausweichlich kommen wird. Und damit Leben zu retten.
          Womöglich bald wieder da: Die Lufthansa erwägt, „eingemottete“ Airbus A380 zu reaktivieren, bis Engpässe bei moderneren Flugzeugen überwunden sind.

          Großraumflugzeug A380 : Chance aufs Comeback

          Vielleicht kehrt der A380 nach Frankfurt zurück. Ganz weg war der Riese bei der Lufthansa ohnehin nie und auch andere Fluggesellschaften verkehren am Frankfurter Flughafen mit Großraumflugzeugen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.