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Umfragen zum Brexit : Wer möchte sich schon als Rassist zu erkennen geben?

  • -Aktualisiert am

Wie ist der Unterschied zwischen Umfragen und Ergebnis zu erklären? Bild: Reuters

Dass die britische Brexit-Entscheidung eine so große Überraschung ist, liegt auch an den Umfrage-Instituten. Die meisten haben zuletzt das Remain-Lager in Führung gesehen. Warum die Zahlen in die Irre führten.

          Im vergangenen Jahr bei der britischen Unterhauswahl sagten die Umfrageinstitute ein enges Rennen zwischen den beiden großen Parteien Labour und den Tories voraus. Das Ergebnis überraschte daher nicht nur die Öffentlichkeit, die sich auf die Vorhersagen verlassen hatte, sondern auch die Institute selbst: Das erste Mal seit mehr als 20 Jahren errang eine Partei – die Tories – eine absolute Mehrheit, wenn auch knapp. Danach setzte eine intensive Such nach den Fehlern ein und viele passten ihre Methodik an. So gab es Anlass zur Hoffnung, dass es zum Brexit-Referendum besser werden würde. Das traf allerdings nur teilweise zu. Viele große Institute sahen ein knappes Rennen voraus, was es auch wurde, doch vermuteten sie den Sieger meist auf der falschen Seite.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Von Anfang an gingen die Werte für die beiden weit auseinander. Mal lagen die „Brexiteers“ vorne, mal die „Remainer“. Mal waren es zwei Punkte Abstand zwischen den beiden, mal zehn. Doch je weiter der Tag des Referendums rückte, desto enger wurden die Umfragen, was einerseits daran lag, dass mehr und mehr Wähler eine Entscheidung getroffen hatten, für wen sie stimmen sollten, andererseits aber auch daran, dass die Institute versuchten, ihre Methoden anzupassen.

          Brexit in Bildern: EU-Gegner Boris Johnson nach dem Referendum mit Polizeischutz vor seinem Haus Bilderstrecke

          Dabei gab es immer wieder Bedenken über die Stichhaltigkeit der Umfragen. So wurde unterstellt, dass junge Leute, die eher dazu neigen würden für einen Verbleib in der Union zu stimmen, eher bereit seien, an Online-Umfragen teilzunehmen, die wesentlich billiger sind, als Telefon-Umfragen und erst recht Tür-zu-Tür-Befragungen. Online-Umfragen solle man also skeptisch gegenüberstehen und sich lieber an Telefon-Umfragen orientieren. Interessanterweise schnitt das Lager der Brexit-Gegner bei telefonisch durchgeführten Erhebungen regelmäßig besser ab, als der politische Gegner. Im Rückblick, können diese also auch nicht so verlässlich gewesen sein.

          Den Grund dafür könnte im Antwortverhalten der Wähler liegen und darin, was den beiden Lagern für politische Positionen zugeschrieben wurden. Den Brexit-Gegnern wurde unterstellt, sie hätten Angst vor den Folgen, die ein Austritt aus der EU haben könnte. Den EU-Gegnern wiederum wurde nachgesagt, für sie sei ein Stopp der Immigration das wichtigste Thema, sie seien also eigentlich Rassisten. Und wer möchte sich schon gern als Rassist zu erkennen geben? Der Antrieb seine Vorliebe für einen Austritt bei einer Befragung zu verheimlichen war also wohl höher, als andersherum.

          Auch die Buchmacher lagen daneben

          Selbst John Curtice lag diesmal daneben. Curtice ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Strathclyde und beschäftigt sich ebenfalls professionell mit Meinungsumfragen. Er war der einzige, dessen Exit-Polls das Ergebnis der Unterhauswahl 2015 richtig vorhersagten. Seine Prognose sah anfangs eine das EU-Lager deutlich in Front, die Gegner eines Verbleibs konnten in den Wochen vor dem Referendum jedoch aufholen. Dank starke Auftritte von Boris Johnson bei verschiedenen Fernsehdiskussionen gingen sie sogar knapp in Führung. Doch nach dem Mord an Jo Cox und der Präsentation eines umstrittenen Plakats zur Einwanderung durch Ukip-Führer Nigel Farage drehten sich die Werte und Curtice erwartete einen Sieg der EU-Befürworter mit zwei Prozent Vorsprung. Er wird sich nun ebenfalls fragen, warum er einen Triumph der falschen Seite prognostiziert hat.

          Ein weiterer Faktor für die große Zuversicht der Brexit-Gegner auch noch am Abend des Referendums, waren die Wettquoten. Diese galten als etwas zuverlässiger, sahen die Buchmacher bei der Unterhauswahl die Tories doch als stärkste Partei, während Umfrageinstitute von einem Labour-Sieg ausgingen und auch das Ergebnis des Unabhängigkeits-Referendums in Schottland haben sie im Gegensatz zu manchen Demoskopen richtig vorhergesagt. Bei den Buchmachern lag seit Beginn der Kampagnen das EU-Lager in Front. Zwar veränderten sich die Quoten über Zeit, doch noch am Wahlabend gingen sie mit einer 75-Prozentigen Wahrscheinlichkeit davon aus, dass ihre Vorhersage stimmt. Doch wie sich herausstellte fielen diese Quoten in der Nacht sehr schnell, als die ersten Ergebnisse eintrafen.

          Am Wetter lag es nicht

          Doch warum lagen auch die Buchmacher so falsch? Sie legen bei der Festlegung der Quoten mehr Wert auf Erfahrungswerte, versuchen also einzuschätzen, wie sich die Menschen verhalten. Da es im Schottland-Referendum einen Späten Umschwung hin zur Ablehnung einer Unabhängigkeit gab, weil die Menschen sich vor dem unbekannten Risiko einer Aufkündigung des Status Quo fürchteten, ließen sie diese Annahme auch diesmal wieder in ihre Überlegungen einfließen. Zu Unrecht, wie sich herausgestellt hat.

          Es gäbe allerdings noch eine andere Möglichkeit. So ist es durchaus möglich, dass einige der Menschen, die in den Befragungen angaben, gegen einen Brexit stimmen zu wollen, nicht zur Wahl gegangen sind. Das wird von den Instituten zwar in ihrer Ergebnispräsentation immer mit einbezogen, doch gab es am Wahltag besondere Umstände. Im Süden des Landes und in London steckten viele Menschen fest und konnten nicht von ihrem Arbeitsplatz zurück nach Hause fahren, wo sie wählen dürfen, weil der öffentliche Verkehr durch heftige Niederschläge in der vorangegangenen Nacht stark eingeschränkt war. Es ist unklar, wie groß dieser Faktor ist und anhand des Vorsprungs von rund 1,3 Millionen Stimmen für die „Brexiteers“ ist es unwahrscheinlich, dass diese Wähler das Ergebnis im Sinne der „Remainers“ gedreht hätten. Doch könnten Leute, die das Ergebnis nicht anerkennen wollen, hierin einen Ansatzpunkt sehen, das Ergebnis anzufechten – und die Umfrageinstitute, ihren Ruf etwas aufzupolieren.

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