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Brexit-Debatte : Unversöhnlich und uneinig

  • -Aktualisiert am

Die Befürworter und Gegner eines „Brexits“ schenkten sich in der TV-Debatte nichts. Bild: dpa

Führende Vertreter beider Brexit-Lager haben sich in einer Fernsehdebatte einen heftigen Schlagabtausch geliefert. Doch die Diskussion wurde von einem anderen Ereignis überstrahlt.

          Es gibt zwei Dinge, für die sich die Briten zur Zeit mehr interessieren als für alles andere: die Fußball-EM in Frankreich und das Referendum über einen Verbleib in der EU. Da trifft es sich gut, dass gerade am Dienstag zwei prominente ehemalige englische Nationalspieler, David Beckham und Rio Ferdinand, ihre Unterstützung für einen Verbleib in der EU öffentlich gemacht haben. David Beckham schrieb auf seiner Facebook-Seite, dass das Land für seine „Kinder und deren Kinder“ in der EU bleiben sollte, denn die Probleme dieser Welt ließen sich besser gemeinsam lösen, als alleine.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          In fast den gleichen Worten beschrieb auch Ruth Davidson, Vorsitzende der schottischen Konservativen, in ihrem Schlusswort der großen BBC-Debatte über den „Brexit“, warum sie die Wähler dazu ermuntern möchte, gegen einen Austritt aus der EU zu stimmen. Das Großbritannien, das sie kenne, lasse seine Freunde nicht im Stich, sondern versuche, mit diesen gemeinsam die Probleme zu lösen.

          Den größten Applaus der mehr als 6000 Zuschauer in der Wembley-Arena bekam jedoch der ehemalige Bürgermeister von London, Boris Johnson. Wenn die Wähler seinen Argumenten und denen der „Leave“-Kampagne folgten, dann könne der 23. Juni, so Johnson, „zu unserem Unabhängigkeitstag“ werden.

          „Absoluter Nonsens“

          Beide Schlussworte kamen nach einer anderthalb Stunden langen Debatte, die um die drei Themengebiete Wirtschaft, Immigration und Großbritanniens Platz in der Welt kreiste. Beide Parteien schienen jedoch kaum daran interessiert, auf die Argumente der Gegenseite einzugehen. Immer wieder unterbrachen sie sich gegenseitig mit den Worten: „Das ist eine Lüge“, oder „Das ist absoluter Nonsens“.

          Sie präsentierten dabei das Bild der englischen Gesellschaft, das sich Beobachtern schon seit Beginn der Kampagnen bietet: Das Land ist tief gespalten. Die Gegner der EU werfen den Befürworter vor, sie hätten keine Argumente und würden ein „Projekt Angst“ inszenieren, um die Leute gegen einen Brexit einzunehmen, während Sadiq Kahn, Bürgermeister von London, den EU-Gegnern unterstellte, ihr Projekt heiße „Hass“, was die Immigration angeht.

          Beide Seiten gaben sich keine Gnade und beharrten auf ihren Standpunkten, vermieden es aber, auf direkte Fragen direkte Antworten zu geben. So verwundert es nicht, dass diejenigen, die die Fragen gestellt hatten — Menschen aus dem Publikum — nach der Debatte sagten, dass sie teilweise enttäuscht seien von den Antworten beider Seiten. Die Diskussion habe ihre Entscheidung, wofür sie am Donnerstag stimmen würden, nicht verändert.

          Beide Lager erklärten sich im Anschluss an die Debatte zum Sieger und bezichtigten die jeweils andere Seite, keine Argumente zu haben. Ein Satz stach dabei bei den „Brexit“-Befürwortern heraus. Fast jeden Beitrag beendeten die drei Diskutanten — neben Johnson noch die deutschstämmige Labour-Parlamentsabgeordnete Gisela Stuart und die Energieministerin Andrea Leadsom — mit dem Satz: „Vote Leave and take back control“. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter wurde das sofort aufgenommen und verspottet.


          Viel Lob erhielten dagegen Ruth Davidson und Sadiq Khan, neben denen noch die Gewerkschafterin Frances O´Grady die Sache der EU-Befürworter vertrat, für ihren Auftritt. Ein Teil der britischen Presse bezeichnete es als klugen Schachzug, dass die EU-Befürworter darauf verzichteten, David Cameron aufzubieten und auf zwei frische Gesichter zu setzen. Auf Twitter erregte besonders Davidsons engagiertes Auftreten das Wohlgefallen der Zuschauer.


          Klar sind nach dieser Diskussion zumindest die Standpunkte der beiden Lager: Die „Brexiteers“ sind sich sicher, dass Großbritannien einen Austritt aus der EU verkraften kann und die „Remainers“ sind sich sicher, dass dem nicht so ist. Es bleibt jedoch die Frage, wie viele Menschen die Debatte wirklich gesehen haben, lief parallel im Fernsehen doch Fußball. Zumindest in den Pubs war der das beliebtere Thema.

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