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Nach TV-Debatte : Johnson weiter auf Kurs in die Downing Street

Boris Johnson im TV-Duell mit Jeremy Hunt. Bild: AP

Anders als seine Gegner hoffen, hat sich Boris Johnson immer noch nicht „selbst erledigt“. Und obwohl Jeremy Hunt einen starken TV-Auftritt hinlegte, wird er sich wohl dennoch nicht als seriöse Alternative zu „Boris“ durchsetzen können.

          Mehr als die Hälfte der vierwöchigen Kampagne liegt nun schon hinter Boris Johnson, und bislang haben sich die Hoffnungen seiner Gegner nicht erfüllt. Der Favorit für die Nachfolge Theresa Mays hat sich in seinen öffentlichen Auftritten nicht „selbst erledigt“, also keine größeren Steine in den Weg gelegt, über die er gestürzt wäre. Auch nach dem ersten Fernsehduell mit seinem Mitbewerber Jeremy Hunt befindet sich Johnson auf Kurs zur Downing Street. Er wirkte optimistisch und entschieden, ohne sich größere Blößen zu geben. Hält er diesen Dreiklang bis Ende kommender Woche durch, dürfte es reichen für den Sieg.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Auch Hunt hatte einen starken Auftritt. Anders als Johnson beantwortete er viele Fragen mit einem klaren „Yes“ oder „No“. Besonders auffällig war dies, als beide Kandidaten auf die diplomatische Krise mit der Trump-Regierung angesprochen wurden. Hunt, der amtierende Außenminister, bejahte die Frage, ob er den britischen Botschafter in Washington, der von Trump de facto zur unerwünschten Person erklärt wurde, bis zur Pensionierung auf seinem Posten belassen würde. Johnson, der frühere Außenminister, drückte sich um eine Antwort herum und betonte lieber die guten Beziehungen, die er in seiner Amtszeit zum Weißen Haus aufgebaut hätte. 

          Es bleibt Hunts Strategie, sich als die seriöse Alternative zu „Boris“ zu präsentieren. Premierminister müssten „den Menschen sagen, was sie hören müssen, nicht nur was sie hören wollen“, sagte er. Dazu zählt Hunt, dass er die populäre Drohung mit einem No-Deal Brexit für einen fragwürdigen Vorstoß hält. Hunt glaubt, dass das Unterhaus diese Verhandlungsstrategie gegenüber Brüssel ein weiteres mal vereiteln wird, und hofft, die Europäische Union mit Geschick und Konzilianz zu Änderungen am Austrittsabkommen bewegen zu können. Die 27 Staats- und Regierungschefs würden eher auf ihn eingehen als auf Johnson und dessen „ultra-harten Ansatz“, sagte er.

          Eben das bezweifelt Johnson. Der „behördliche Ansatz“ habe dem Königreich nicht geholfen, sagte Johnson in Anspielung auf Theresa May aber auch auf seinen Mitbewerber. Die Europäische Union werde sich nur zu Veränderungen am „Deal“ bewegen lassen, wenn sie überzeugt sei, dass es Großbritannien ernst meine mit dem Austritt am 31. Oktober. Um diesen zu erreichen, will Johnson nicht einmal ausschließen, das britische Parlament zu suspendieren, um so ein Votum gegen einen No-Deal Brexit zu verhindern. Damit zu rechnen, dass das Unterhaus einem Premierminister ein weiteres mal die Hände bindet, und womöglich einen weiteren Aufschub des Austrittstermins zu erwägen, sei „Defaitismus“, sagte Johnson und heimste dafür Applaus im Publikum ein.

          Auch nach mehr als zwei Wochen Wahlkampf bleibt die Schlachtordnung unverändert: Johnson ist der Kandidat, dem die Mitglieder der Konservativen Partei zutrauen, sie vom Brexit zu erlösen. Hunt erscheint vielen als der professionellere Anwärter auf den höchsten Regierungsposten, aber seine feiner ziselierte Brexit-Strategie lässt die Kompromisslosigkeit, ja das Berserkertum vermissen, nach dem sich die Tory-Basis sehnt. Mit Johnson, glauben die Konservativen, ist das Königreich am 31. Oktober endlich „raus“, so oder so. Mit Hunt, fürchten die meisten, steuert das zähe Brexit-Drama nur in seinen nächsten Akt. 

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