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Stimmung in Londons Straßen : „Unser Land ist wie ein Huhn ohne Kopf“

  • -Aktualisiert am

„Wie ein Huhn ohne Kopf.“ Der Londoner Karikaturist Kaya Mar steht der Politik der britischen Regierung kritisch gegenüber. Bild: Markus Kollberg

Im britischen Parlament steht am Dienstag die erste einer Reihe von entscheidenden Brexit-Abstimmungen an. Ein Kompromiss zwischen den verfeindeten Lagern ist dabei nicht in Sicht – weder im Parlament noch auf der Straße.

          Man könnte meinen, selbst das Wetter hätte am heutigen Tag in London eine eigene politische Botschaft. „Reißt euch zusammen, sonst wird es ungemütlich“, könnte diese lauten und passend dazu peitschen starke Windböen kalten Nieselregen durch die Straßen. Regenschirme fliegen umher, Menschen eilen geduckt über den Bürgersteig. Auf der Tottenham High Street, der Hauptstraße des gleichnamigen Stadtteils im Norden der Metropole, öffnen gerade die Einzelhändler ihre Türen. Es gibt türkische Obstverkäufer, polnische Fleischer und einen rumänisch-türkischen Minimarkt.

          Fast alle Produkte, die in den Geschäften im Regal liegen, stammen vom europäischen Festland. Dementsprechend schlecht ist die Stimmung unter den Inhabern an diesem Morgen. Man sei sich sicher, dass der Brexit das Geschäft beeinflussen werde. Trotzdem habe man noch keine extra Vorräte angelegt, heißt es etwa im örtlichen „Dacia“-Minimarkt. Momentan bekomme man einmal wöchentlich eine Lieferung vom Festland, das könnte im Falle eines harten Brexits insbesondere für frische und gekühlte Produkte schwierig werden. Viele der Kunden ohne britischen Pass seien außerdem besorgt und würden momentan überlegen, in ein anderes Land zu gehen, zum Beispiel in die Schweiz oder nach Deutschland – und beunruhigte Kunden seien schlecht fürs Geschäft. Im Borough Haringey, dem Bezirk zu dem Tottenham gehört, stimmten beim Referendum 2016 drei Viertel der Bürger für den Verbleib in der Europäischen Union. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass die Wahlbeteiligung mit 70 Prozent in Haringey ähnlich wie in den meisten anderen „Remain“-Bezirken unterdurchschnittlich war.

          „Unser Land ist wie ein Huhn ohne Kopf“

          Auch im Stadtzentrum vor Downing Street Nummer 10, dem Dienstsitz der britischen Premierministerin Theresa May, ist die Stimmung getrübt. Die übliche Menge an Reportern hat sich aufgebaut, Blitzlichtgewitter, nervöses Warten, verstärktes Polizeiaufgebot. Das Extreme ist inzwischen Alltag geworden im politischen London. Eine Schulklasse aus Südeuropa filmt die Situation gebannt mit ihren Smartphones und erinnert dabei ein wenig an Katastrophentouristen. Etwas abseits steht der Maler und Karikaturist Kaya Mar, der immer wieder die britische Politik mit seinen Kunstwerken auf die Schippe nimmt. Er hat sein neuestes Gemälde dabei: Ein kopfloses, sich im Kreis drehendes Huhn. „Unser Land ist wie ein Huhn ohne Kopf, orientierungs- und führerlos“, erklärt er. Mar ist erklärter Brexit-Gegner und sagt, er halte die Politik der konservativen britischen Regierung für eine Katastrophe. In seinem Umfeld hätte die Mehrheit genug von der andauernden Brexit-Diskussion. Er glaube aber noch an ein Wunder und habe Hoffnung, dass die Politik zu Besinnung komme. Besondere Sorge bereite ihm dabei die zunehmende Spaltung der britischen Gesellschaft und der Zulauf für das nationalistische Lager.

          Etwa 300 Meter weiter, vor dem britischen Parlament, trotzen Simon Wilks und Julia de Greff der Kälte. Sie haben Europa-Flaggen dabei, die sie immer dann schwenken, wenn ein Abgeordneter in einer Limousine mit getönten Scheiben vorbeifährt. De Greff und Wilks gehören zum harten Kern der Remain-Aktivisten und wollen „bis zum bitteren Ende“ vor den Toren des Palasts von Westminster demonstrieren. Ihnen gehe es dabei vor allem um die Belange der jungen Generationen und um den Frieden in Europa, sagen sie. Trotzdem geben sie zu, dass die Mehrheit der Remainer inzwischen hoffnungslos und resigniert sei. „Viele glauben nicht mehr daran“, meint Julia de Greff, „ich hoffe aber noch auf ein Wunder!“

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