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Vor Wahlen in Großbritannien : Stellvertretender Labour-Chef tritt zurück

Tom Watson im September in London Bild: Reuters

Tom Watson hat angekündigt, bei der Parlamentswahl in Großbritannien nicht wieder anzutreten. Auch seine Parteiämter wolle er niederlegen. Der Streit über den Brexit-Kurs und antisemitische Tendenzen belasten die Partei.

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          Der stellvertretende Labour-Vorsitzende Tom Watson hat seinen Rücktritt angekündigt und wird nicht mehr bei der Neuwahl für das Parlament kandidieren. Watson, ein Vertreter des gemäßigten Parteiflügels, lag seit längerem mit Labour-Chef Jeremy Corbyn über Kreuz: Es gab Streit über den Brexit-Kurs der Partei, wobei Watson auf ein klares Bekenntnis zum Verbleib in der EU drang, während Corbyn nicht klar sagte, ob er in der EU bleiben wolle oder nicht. Auch über die antisemitischen Vorfälle in der Partei gab es Konflikte mit Corbyn und seinen Anhängern.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Watson, Abgeordneter seit 2001, war zuletzt in der Partei zunehmend isoliert und entging beim jüngsten Parteitag nur knapp einer Abwahl. Obwohl Watson für seinen Rücktritt „persönliche, keine politischen Gründe“ anführte, werteten Beobachter seinen Schritt als klar politisch motiviert.

          Sein medienwirksamer Abtritt, der den Riss in der Partei noch mehr offenlegt, schadet Labour im beginnenden Wahlkampf. Aufsehen erregte am Donnerstag auch der frühere Labour-Abgeordnete und Minister Ian Austin, der von einer Wahl Corbyns abriet, da dieser versagt habe, den Antisemitismus in der Partei zu bekämpfen. Corbyn sei „völlig ungeeignet“ für das Amt des Premierministers. Stattdessen rief Austin zu einem Votum für die Konservative Partei von Premierminister Boris Johnson auf.

          Überraschend viel Beachtung in den Medien und sozialen Netzwerken fand gleichzeitig die Titelseite der neuen Ausgabe der kleinen Zeitung „Jewish Chronicle“, die sich explizit an nicht-jüdische Wähler richtete und vor einer Wahl Corbyns warnte. In Umfragen unter britischen Juden hatten sich zuvor 87 Prozent überzeugt gezeigt, der Labour-Vorsitzende sei ein Antisemit. Fast jeder zweite Befragte sagte sogar, er würde „ernsthaft“ übers Auswandern nachdenken, sollte Corbyn nach der Wahl am 12. Dezember Premierminister werden.

          Die Vorsitzende der Liberaldemokraten, Jo Swinson, hat in dieser Woche versprochen, ihre Partei werde Corbyn nicht als Premier wählen. Dies schließe sie kategorisch aus. Swinson begründete dies damit, dass der Labour-Chef eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei. Außerdem verwies sie auf die schwelenden Antisemitismus-Skandale in der Partei.

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