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Pressestimmen zum Brexit : Ein Haus voller Narren und Esel

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Kaum zu übersehen: Die Titelseite der Daily Mail mit der Schrift „The house of fools“. Bild: AP

Der abermalige Brexit-Aufschub findet gerade in der britischen Presse alles andere als ein positives Echo. Manche Kommentatoren finden teils harsche Worte für die Abgeordneten des Unterhauses. Eine Presseschau.

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          Nach dem die Abstimmung über seinen Deal am Samstag verschoben wurde, warnte Boris Johnson davor, dass die EU und das Land bald „brexit-müde“ werden könnten. Sie sind es längst, kommentiert Juliet Samuel im „Telegraph“: „Die Leute schreien nach einer Lösung. Sie sind so gelangweilt vom Brexit, dass sie ihn begraben und sich die Bettdecke über den Kopf ziehen wollen. Doch wie ein Moskito will er nicht gehen, er summt weiter in unseren Ohren.“ Der Premierminister habe sein Bestes gegeben, schreibt sie: „Doch als die Abgeordneten endlich bereit waren, das Abkommen anzunehmen und uns von der Qual zu erlösen, hat Sir Oliver Letwin es ihnen wieder aus der Hand geschlagen. (...) Wir werden nicht zusehen, wenn der Brexit droht, uns bis nach Halloween verfolgen.“

          Die „Sunday Express“ titelte passend dazu „Warum wollen sie uns nicht gehen lassen?“ während die „Daily Mail“ deutlich ausfallender wurde: „Das Haus der Narren“ steht in großen Buchstaben auf der Titelseite. „Heute hätte Großbritannien nach dem Ende der Brexit-Qualen mit der Heilung beginnen können. Stattdessen zwingt ihr uns eine weitere qualvolle Verzögerung auf.“

          Ein wahrlich vernichtendes Fazit zog John Crace vom „Guardian“: „Der Tag endete im Chaos, mit einem mies gelaunten Jacob Rees-Mogg, der sich weigerte zu sagen, was genau die Regierung für die kommende Woche plant. Sie könnte versuchen, am Montag noch einmal über ihren Vorschlag abstimmen zu lassen – vielleicht aber auch nicht. Es wird Abstimmungen geben. Manche bedeutend, andere bedeutungslos. Ein Parlament der Esel, geführt von Fadenwürmern. Und nicht einmal sonderlich Intelligenten."

          In der „Sunday Times“, die die Abgeordneten auf ihrer Titelseite zu “Brexit-Zerstörern macht“ gehen die Kommentatoren zwar davon aus, dass die Stimmung sich wieder beruhigt, aber „wenn es zu einer Neuwahl kommt, sollten wir sie nicht weiter verzögern. Nachdem Downing Street bei der Vertagung des Parlaments getrickst hat, könnten Boris Johnsons Gegner für eine Verzögerung der Wahlen eintreten, um einen No-Deal-Brexit zu verhindern. Derzeit sind solche Argumente aber nicht passend. Die Labour-Partei pocht darauf, dass sie keine Angst vor einer Wahl hat. Sie sollte dies nun beweisen. Boris Johnson befindet sich – trotz der gestrigen Enttäuschung – in einer guten Ausgangslage. Er würde bei einer Wahl für seinen Deal kämpfen – als Alternative zu einem No Deal oder gar einer Brexit-Absage.“

          Die „Neue Züricher Zeitung“ übt scharfe Kritik am britischen Unterhaus, das aller Voraussicht nach kommende Woche abermals die Möglichkeit hat, für das Abkommen zu stimmen. „Tut es das nicht, disqualifiziert sich das Parlament und wird zu einem Gremium, das nur noch eins tut: den wichtigsten Entscheid über die Zukunft des Landes verschieben. (...) Irgendwann muss man dafür auch einem Deal zustimmen. Die Abgeordneten müssen aufhören, nur regionale oder parteitaktische Interessen zu verfolgen. Es geht nun darum, das Land aus seiner Blockade zu erlösen. Wenn das Parlament nächste Woche Johnsons Vertrag abschmettert, gibt es nur eins: Neuwahlen. Vielen wird dann das Lachen vergehen.“

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