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Brexit-Befürworter Farage : Er ist wieder da

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Nigel Farage gab sich auch selbstkritisch: Wären die Briten vielleicht schon längst ausgetreten, hätte er sich nicht zurückgezogen? Bild: Reuters

Nigel Farage ist zurück. Mit seiner unlängst gegründeten Brexit-Partei will er ins Europaparlament einziehen. Dafür setzt er auf eine Mischung aus altbekannten Argumenten und neuen Kandidaten. Mit Erfolg?

          Dass Nigel Farage auch drei Jahre nach dem Brexit-Referendum an Popularität kaum verloren hat, zeigt sich schon vor dem Beginn der „Peterborough Rally“, einer Wahlkampfveranstaltung der neugegründeten „Brexit Party“. Auf den Zufahrtsstraßen zum Kings Gate Konferenzzentrum in Peterborough, einer Stadt im Osten Englands, staut es sich. Vor den Einlasskontrollen bilden sich lange Schlangen. Hunderte sind gekommen, um den ehemaligen Vorsitzenden der rechtspopulistischen UKIP und bekanntesten Brexitbefürworter Großbritanniens zu sehen.

          „Das ist eine große Sache hier“, sagt ein Ordner, während er die Eintrittskarten kontrolliert. 2,5 Pfund kostet ein Ticket und in Peterborough ist man gerne bereit das zu bezahlen, um Farage über den Brexit sprechen zu hören. 60 Prozent haben hier beim Brexit-Referendum für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Der Anteil der EU-Ausländer ist hoch in der Stadt. Insbesondere Osteuropäer, die in der örtlichen Landwirtschaft arbeiten, sind in den vergangenen Jahren in die Region gekommen. Es ist ein Heimspiel für Farages Brexit-Partei und es soll ein Meilenstein im Europawahlkampf werden.

          „Change Politics for Good“, Politik zum Guten verändern, lautet der Slogan der Partei. In Wirklichkeit geht es einzig und allein um den Brexit. Der müsse nun endlich vollzogen werden, ist sich das überwiegend ältere Publikum bereits vor Beginn der Veranstaltung einig. Von einem „klaren“, „vollen“ oder „kompletten“ Brexit sprechen die Anwesenden. Denn „hart“ wird der Austritt ihrer Meinung nach nicht. Für sie ist klar, dass das Vereinigte Königreich wirtschaftlich und politisch ohne die Europäische Union besser dastünde.

          „Ich bin mir absolut sicher, dass wir die EU so schnell wie möglich verlassen sollten“, sagt Bob Woolley aus Peterborough, der jahrelang britische Maschinen in Europa verkauft hat und sich bei der Rally über die Brexit-Partei informieren will. „Ich bin Europäer, aber Großbritannien wird von den anderen europäischen Ländern unfair behandelt“, bemängelt er. Viele im Publikum sagen, dass sie das Vertrauen in die etablierten Parteien verloren hätten, weil es mit dem Brexit seit mittlerweile drei Jahren nicht voranginge. Deswegen würden sie nun die Brexit-Partei von Nigel Farage unterstützten.

          Tim Martin heizt die Menge für Nigel Farage an.

          „Reis und neuseeländischer Wein könnten günstiger sein“

          Doch Farage lässt zunächst auf sich warten. Sein Auftritt soll der krönende Abschluss der perfekt orchestrierten Wahlkampfveranstaltung sein. Zunächst präsentieren sich die Kandidaten der Brexit-Partei für die Wahl zum Europäischen Parlament am 23. Mai. Erst seit Anfang der Woche steht definitiv fest, dass das Vereinigte Königreich an diesen teilnehmen wird. Talentierte, kompetente und erfahrene Kandidaten habe die Partei für sich gewinnen können, sagt der Moderator immer wieder. Tatsächlich will der Funke dann aber nicht wirklich überspringen als eine Fischhändlerin, ein Unternehmer, ein Physikprofessor und Farages ehemaliger Pressesprecher um die Unterstützung des Publikums werben. Der Applaus bleibt entsprechend verhalten.

          Das Publikum zum Toben bringen stattdessen die eingeladenen Gastredner: Tim Martin, Inhaber von Großbritanniens größter Pub-Kette „Wetherspoon“, und die ehemalige Tory-Abgeordnete Ann Widdecombe. Beide spielten bereits in der Leave-Kampagne 2016 eine wichtige Rolle, weil sie mehrfach in Talkshows aufgetreten waren und mit einer Mischung aus Populismus und Fake-News für den Brexit geworben hatten. Schnell wird klar, dass sie an diesem Erfolgsrezept nichts geändert haben. Martin schimpft über die EU, weil sie Lebensmittelimporte aus Nicht-EU-Staaten unnötig teuer mache. „Reis und neuseeländischer Wein könnten viel billiger sein“, ruft er den jubelnden Zuhörern entgegen. Dass ein durchschnittlicher britischer Haushalt durch niedrigere Preise für Reis und neuseeländischen Wein höchstens ein paar Cent im Monat sparen wird, stört hier niemanden. Widdecombe argumentiert ähnlich: Das Vereinigte Königreich müsse endlich wieder die Möglichkeit haben, eigene Gesetze zu erlassen, Handelsabkommen zu schließen, eine Regierung zu wählen und die Grenzen zu kontrollieren. Das sei man den noch kommenden Generationen schuldig. Auch dafür erntet sie stehende Ovationen.

          Für 2,50 Pfund konnte man den Worten Nigel Farages lauschen.

          Erst als Martin und Widdecombe die Stimmung angeheizt haben, ist es Zeit für den wichtigsten Redner des Abends. „Nigel, Nigel“-Sprechchöre schallen durch die Halle, Rockmusik dröhnt aus den Boxen, Blitzlichtgewitter, die Menge erhebt sich und Nigel Farage betritt die Bühne. Seine Rede beinhaltet dann dieselben populistischen Phrasen, mit denen er schon vor dem Brexit-Referendum durch das Land zog. Beim Brexit gehe es darum, es dem Establishment zu zeigen und sich die Kontrolle zurück zu holen. Dann attackiert Farage Premierministerin Theresa May, den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn, die neugegründete Remain-Partei „Change UK“ und die EU. Wenn Farage den Namen eines politischen Kontrahenten ausspricht, buht die Menge lauthals. Farage gibt sich selbstkritisch, es sei ein Fehler gewesen, sich nach dem erfolgreichen Referendum aus der Politik zurückzuziehen.

          Dies habe er getan, weil er an die demokratische Kraft des Referendums geglaubt hätte. Wie es um sein eigenes Demokratieverständnis steht, offenbart Farage als er ein zweites Brexit-Referendum mit der Annullierung der Bürgermeisterwahl in Istanbul vergleicht und den Brexit zu einer Frage von „richtig oder falsch“ stilisiert. Doch egal wie plump seine Attacken gegen die britische Regierung und die EU erscheinen, die Zuhörer in Peterborough sind begeistert. Selbst als die Veranstaltung schon längst beendet ist und die Menge sich zerstreut, erzählen sich zwei Frauen noch wie begeisternd und interessant die Veranstaltung gewesen sei. Werbematerialien für das Auto und das Haus hätten sie mitgenommen – bald gehe es mit dem Brexit bestimmt endlich voran.

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