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Änderung der Bonusregeln : Der Brexit ist gut für die Boni

Zuidas ist das Bankenviertel Amsterdams. Dorthin soll es nach Möglichkeit in Zukunft mehr Banker aus London ziehen. Bild: Reuters

Die Niederlande denken darüber nach, die Grenze für Banker-Boni aufzuweichen. Ihr Ziel ist, es möglichst viele Banker aus London nach Amsterdam zu locken.

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          Noch nicht lange ist es her, dass die Niederlande die Boni in Geldhäusern scharf begrenzten: 2015 war das, als Lehre der Finanzkrise. Jetzt aber wankt sie schon wieder, die neue Regel, wonach Banker maximal 20 Prozent ihres Fixgehalts als variables Zückerchen erhalten sollen. Der Grund? Der Brexit, der Plan Großbritanniens, aus der EU auszutreten – und das Begehr der Finanzmetropole Amsterdam, möglichst viele Banker aus London an sich zu ziehen. Restriktionen für die Boni könnten da abschrecken, so fürchten die Gegner der Regel, und Paris, Dublin, Frankfurt davon profitieren.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nach einem Parlamentsbeschluss in Den Haag nämlich zeichnet sich ab, dass die künftige Regierung die Bonusregeln abschwächen könnte. Der Vorgang ist etwas verwickelt: Eine Mehrheit der Zweiten Kammer hat einen Antrag mehrerer Parteien abgelehnt, in dem diese explizit die Beibehaltung der Regeln forderten. Gegen diesen Antrag stimmten jene vier Parteien, die momentan über eine neue Koalition verhandeln.

          Das Ganze wirft erstens ein Schlaglicht auf das Bemühen, Banker aus London zu gewinnen. Es ist zweitens Folge politischer Taktik. Drei der potentiellen Koalitionsparteien – die liberalen Parteien VVD und D66 sowie der konservative CDA – überraschten mit ihrem Stimmverhalten nicht. Aber die vierte, die religiös gesinnte Christenunie, hatte den Antrag auf Beibehaltung der 20-Prozent-Regel sogar selbst mitinitiiert. Nun ihre Kehrtwende: in der offensichtlichen Absicht, als Zünglein an der Waage die ohnehin überaus schwierige Koalitionsbildung nicht zu gefährden. Der Entscheid hat für sich noch keine große Tragweite – setzt aber die künftige Regierung unter Druck.

          Am Finanzplatz London wird immer noch am besten verdient

          Die Bonusregel in den Niederlanden ist allerdings auch besonders scharf. Nach der EU-Richtlinie dürfen die Erfolgsprämien 100 Prozent des Fixgehalts ausmachen. Stimmen die Aktionäre zu, dürfen Führungskräfte aus den Banken – in der Richtlinie werden sie als Risikoträger bezeichnet – sogar bis zum Doppelten hinzuverdienen. Dann ist aber eine ausreichende Mehrheit auf der Hauptversammlung nötig. Bei der Deutschen Bank stimmten die Aktionäre vor drei Jahren zu, während bei der Commerzbank der Bund vor zwei Jahren als Großaktionär die Anhebung der Boni-Grenze verhindert hat. Für Kritik sorgte, dass die Banken die Fixgehälter deutlich angehoben haben. So hielten sich die Einbußen stark in Grenzen, oder das Gehalt blieb sogar stabil. Bei der Deutschen Bank sind die Fixgehälter zeitweise stärker gestiegen, als die Erfolgsprämien gesunken sind.

          Strengere Boni-Regeln gelten zwar auch für Großbritannien. Aber am Finanzplatz London wird immer noch am besten verdient. Dort arbeiten rund 80 Prozent der Einkommensmillionäre aus den Banken der EU. Mit einer sehr strengen Auslegung der Boni-Regeln dürften die kaum angelockt werden. Nach einer Umfrage des auf Gehälter spezialisierten Londoner Analysehauses Emolument bezahlen die amerikanischen Banken, darunter die großen Wall-Street-Häuser wie Goldman Sachs oder JP Morgan, ihre Mitarbeiter in London am besten.

          Das Grundgehalt eines Direktors belief sich dort auf 197.000 Euro und der Bonus auf 175.000 Euro, also insgesamt 342.000 Euro. Die in London beschäftigten Direktoren europäischer Banken verdienten im Schnitt 287.000 Euro, davon entfielen gut 100.000 Euro auf den Bonus. In Frankfurt verdient laut Emolument ein Direktor bei einer Bank im Schnitt 206.000 Euro und in Paris 188.000 Euro. Die Gehälter und die gesetzlichen Vorgaben können ein wichtiger Faktor im Standortwettbewerb der europäischen Finanzplätze um in London ansässige Banken werden.

          In den Niederlanden rechnete der Arbeitgeberverband VNO-NCW vor, dem Land entgingen wegen des Bonusdeckels möglicherweise 17.000 Arbeitsplätze und 1 Milliarde Euro Steuereinnahmen. Auch in Deutschland sorgt man sich und will mit rechtlichen Erleichterungen zusätzliche Banken an den Finanzplatz Frankfurt locken. So hatte Hessen vorgeschlagen, das Arbeitsrecht zu lockern, damit hochbezahlte Investmentbanker in Krisenzeiten leichter zu kündigen sind. Man hätte Spitzenverdiener dazu beispielsweise mit einer neuen Regelung leitenden Angestellten gleichstellen können. In Berlin war der Vorschlag bei Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) wohl nicht auf Begeisterung gestoßen. Hessen hofft nun, in der nächsten Legislaturperiode damit trotzdem noch zum Zuge zu kommen.

          „An unserer Zielsetzung, den Kündigungsschutz bei Mitarbeitern von Kredit- und Finanzdienstleistungsunternehmen mit sehr hohem Einkommen zu lockern, hat sich nichts geändert“, sagte der hessische Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) der F.A.Z. Ein Spitzenbanker mit hohem Gehalt sei hier sicherlich weniger schutzbedürftig als der normale Bankangestellte.

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