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Rennen um May-Nachfolge : Der unerwartete Rivale

Der britische Entwicklungshilfeminister Rory Stewart vor einem gegen Boris Johnson gerichteten Plakat am Sonntag in London Bild: AP

Sollte Boris Johnson genügend Stimmen bekommen, könnte er heute schon als Nachfolger von Theresa May feststehen. Doch Rory Stewart, der als Hoffnung der moderaten Konservativen gilt, will das verhindern.

          Es wäre möglich, dass das Auswahlverfahren der Konservativen Partei für die Nachfolge von Theresa May heute schon vorbei ist, auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass nach der heutigen Abstimmungsrunde nur noch ein Kandidat übrig bleibt. Von 16 bis 18 Uhr dürfen die Unterhaus-Abgeordneten der Konservativen Partei heute wieder ihre Präferenz für den nächsten Parteivorsitzenden und damit auch Premierminister abgeben, um das Feld der Kandidaten weiter zu verkleinern. Das Ergebnis der Abstimmung wird gegen 19 Uhr erwartet und dann sollte klar sein, wie viele Anwärter im Rennen bleiben und an der zweiten Fernsehdiskussion heute Abend teilnehmen werden.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Der bislang unangefochtene Spitzenreiter vor der zweiten Abstimmungsrunde ist der frühere Außenminister Boris Johnson. Er bekam bei der ersten Stimmabgabe 114 Stimmen, mehr als seine nächstplazierten Rivalen Jeremy Hunt (43), Michael Gove (37) und Dominic Raab (27) zusammen. Auf Sajid Javid entfielen noch 23 und auf Rory Stewart 19 Stimmen. Die bislang Ausgeschiedenen Matt Hancock, Andrea Leadsom, Mark Harper und Esther McVey kamen gemeinsam auf 50 Stimmen. Diese werden die Verbliebenen nun zu erobern hoffen. Nach der Abstimmung wird der Letzte aus dem Rennen geworfen, sowie alle Kandidaten, die auf weniger als 33 Stimmen kommen.

          Die meiste mediale Aufmerksamkeit hat in den vergangenen Tagen aber wahrscheinlich nicht Boris Johnson und seine Weigerung, nicht bei der ersten Fernsehdiskussion am Sonntag aufzutreten bekommen, sondern Rory Stewart. Die Kandidatur des Entwicklungshilfeministers wurde anfangs etwas belächelt und als aussichtslos angesehen. Doch nachdem er die erste Runde überstanden hat, bekam er immer mehr Unterstützung von Parteifreunden. Stewart, der früher für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 gearbeitet haben soll, ist der einzige Kandidat, der prinzipiell ausschließt, Großbritannien ohne Austrittsabkommen mit Brüssel aus der EU zu führen. Vielmehr wolle er auf den von Theresa May ausgehandelten Vertrag setzen und, sollte dieser weiterhin im Unterhaus keine Mehrheit bekommen, Bürgerversammlungen über die Zukunft des Landes entscheiden lassen. Stewart gilt damit als Hoffnung der moderaten Konservativen, die zwar den Brexit wollen, aber nicht um jeden Preis. Schon machen deshalb Warnungen vor einer Spaltung der Partei die Runde, sollten Johnson und Stewart die verbleibenden beiden Kandidaten sein, zwischen denen sich die Parteimitglieder entscheiden müssen.

          Doch vor diesen Gedankenspielen steht die Abstimmung am heutigen Nachmittag. Sollte es Boris Johnson gelingen, so viele Stimmen auf sich zu vereinen, dass sämtliche seiner Konkurrenten unter 33 Stimmen blieben, wäre das Auswahlverfahren tatsächlich schon an diesem Dienstag zu Ende, denn er wäre der Einzige, der noch übrig bliebe. Eine Abstimmung unter den Parteimitgliedern entfiele, Johnson könnte direkt in den Buckingham Palast zur Königin fahren und sich zum Premierminister ernennen lassen. Doch da das unwahrscheinlich ist, wird es wohl noch weitere Abstimmungen geben. Geplant ist eine weitere Runde am morgigen Mittwoch, sowie zwei Runden am Donnerstag, sollten sie notwendig sein. Spätestens dann gibt es nur noch zwei Kandidaten.

          Angesichts aktueller Umfrageergebnisse hätte allerdings wohl kaum einer der noch im Rennen befindlichen Kandidaten eine Chance gegen Johnson im Mitgliederentscheid. Wie das Umfrageunternehmen Yougov berichtet, haben bei einer Internet-basierten Umfrage unter 892 Mitgliedern der Konservativen Partei 77 Prozent angegeben, sie hielten den ehemaligen Bürgermeister von London für einen guten Parteivorsitzenden. Der frühere Brexit-Minister Dominic Raab kommt noch auf 68 Prozent und der Innenminister Sajid Javid auf 61 Prozent. Von Rory Stewart denken nur noch 31 Prozent, er wäre ein guter Parteiführer.

          Eine weitere Frage macht klar, wo die Prioritäten der Konservativen liegen. Demnach würden es jeweils fast zwei Drittel in Kauf nehmen, dass Schottland (63 Prozent) oder Nordirland (59 Prozent) Großbritannien verließen, so lange es nur ein Austritt aus der EU gebe. 61 Prozent würden gar starke Schäden für die britische Wirtschaft hinnehmen und noch mehr als die Hälfte (54 Prozent) die Zerstörung der eigenen Partei. Einzig die Aussicht auf eine Regierung des Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn würde die befragten Konservativen vor einem Brexit zurückschrecken lassen.

          Sollte der Brexit nicht stattfinden, sehen die Befragten für ihre Partei allerdings eine alles andere als rosige Zukunft. Zwölf Prozent nehmen an, dann würde die nächste Parlamentswahl verloren gehen, 29 Prozent befürchten dies für mehrere Wahlen und gar 51 Prozent gehen davon aus, dass die Tories nie wieder an die Macht kommen würden. Wie sehr das Thema das Wollen der Parteimitglieder bestimmt, zeigt noch eine andere Zahl. Eine Mehrheit von 46 Prozent wäre auch glücklich, wenn ein Mann den Parteivorsitz übernehmen würde, der gar nicht zur Abstimmung steht: Nigel Farage, der Vorsitzende der Brexit Party.

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