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Nach dem Brexit : Verräter und Diabetiker

Michael Gove: Der Justizminister stammt aus einfachen Verhältnissen und hat als Journalist unter anderem für die BBC gearbeitet. Bild: dpa

Die fünf Bewerber um die Nachfolge David Camerons bringen sich in Stellung. Dabei ist noch nicht einmal ganz klar, wie die Wahl bei den Torys genau ablaufen wird.

          Sammelt man alle Gehässigkeiten auf, die am vergangenen Wochenende verbreitet wurden, wird Britannien demnächst entweder von einer semiautistischen Diabetikerin (Theresa May), einem psychopathischen Verräter (Michael Gove) oder einer opportunistischen Anfängerin (Andrea Leadsom) regiert. Sollten sich die anderen beiden Kandidaten noch in hoffnungsvollere Positionen vorschieben, würden sie vermutlich als abgehalfterter Verzweiflungskarrierist (Liam Fox) beziehungsweise präpotenter Jüngling (Stephen Crabb) verunglimpft werden. Nach einer Woche politischer und ökonomischer Verwerfungen ist das Königreich, zumindest die ehrwürdige konservative Partei, in die Phase des persönlichen Nahkampfes eingetreten.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          An diesem Montag werden Leadsom und Fox ihre Bewerbungsreden halten. Dann haben alle fünf Kandidaten, die David Cameron als Parteichef und Premierminister ablösen wollen, den Briten ihre Motivation und (einen Teil ihrer) Ziele dargelegt. Überzeugen müssen sie aber zunächst ihre Kollegen in der Fraktion, die schon am Dienstag einen ersten Wahlgang abhalten wollen. Der Plan ist es, innerhalb von acht Tagen das Feld auf zwei Bewerber zu reduzieren. Diese beiden sollen dann den Parteimitgliedern zur Abstimmung per Briefwahl vorgelegt werden, bevor der nächste Regierungschef Anfang September bekanntgegeben wird.

          Nach der dramatischen Dynamik der vergangenen Tage ist allerdings offen, ob der Prozess so ablaufen wird. Sollte einer der Kandidaten schon im ersten Wahlgang eine überragende Mehrheit erhalten, könnten sich andere zum Rückzug veranlasst sehen und das Prozedere verkürzen. Neue, überraschende Bündnisse könnten spontan entstehen und Außenseiter zu Hoffnungsträgern machen. Einige Abgeordnete wollen gar keine Abstimmung, sondern eine frühe Einigung auf die derzeitige Favoritin Theresa May, die dann von der Fraktion nur noch „gekrönt“ und unter Umgehung der Parteibasis sofort ins Amt gesetzt würde.

          So war vor neun Jahren die Labour Party verfahren, als sie den damaligen Schatzkanzler Gordon Brown auf den Schild hob. Auch damals spielte das Argument eine Rolle, kein Machtvakuum entstehen zu lassen und die Phase der Instabilität nach dem Rücktritt Tony Blairs rasch zu beenden. Allerdings war Brown schon Jahre zuvor als natürlicher Nachfolger betrachtet worden, was sich im Blick auf das aktuelle konservative Personaltableau allenfalls über May sagen lässt. Ihr Name wurde in Nachfolgespekulationen immer wieder genannt – wenn auch nach zwei anderen. Der eine, Schatzkanzler George Osborne, ist mit Cameron untergegangen, auch wenn er (noch) nicht seinen Rücktritt angekündigt hat. Der andere war Boris Johnson, dessen Ambitionen am vergangenen Donnerstag ein jähes Ende bereitet wurde.

          Derjenige, der das herbeigeführt hat, kandidiert nun selbst und wird auf Schritt und Tritt auf seine Ruchlosigkeit angesprochen. So tief sitzt die Empörung, auch die Wut über Michael Gove, dass viele Abgeordnete, die das „dream team“ Johnson/Gove monatelang hofiert haben, nun ihre Unterstützung für den Hinterbliebenen zurückziehen. Als Gove am Freitag seine Bewerbung begründete, erschienen nur fünf Fraktionskollegen im Saal. Die Journalisten, die in umso größerer Zahl vertreten waren, hatten kaum Fragen zu Goves langer und politisch substantieller Rede – sie wollten wissen, warum er nach dreißig Jahren enger Verbindung zu Johnson in der Nacht vor dem Ende der Bewerbungsfrist seine Meinung über ihn änderte. Johnson hatte von der Kandidatur seines Freundes und Wahlkampfmanagers erst erfahren, als er schon auf dem Weg zur (ursprünglich als Gemeinschaftsprojekt angelegten) Präsentation war – aus den Medien.

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