https://www.faz.net/-icu-8ispf

Schottland nach Brexit-Votum : Stolz auf das eigene Volk

Mit Vorsicht: Sturgeon versucht der Brexit-Entscheidung richtig zu begegnen. Bild: AP

Nicola Sturgeon, die Chefin der schottischen Regierung, will im Trubel des Brexits das Beste für ihr Land. Sie bleibt bei allem Patriotismus aber vorsichtig.

          Auf der Wiese zwischen dem mächtigen Berg Arthur’s Seat und dem kleinen, mit länglichen Hölzern verkleideten Parlamentsgebäude wehen schottische und europäische Fahnen. Ein paar hundert Anhänger der Schottischen Nationalpartei (SNP) und der Grünen demonstrieren gegen das Brexit-Referendum und für den Verbleib in der Europäischen Union. Ein Dudelsackspieler belegt Parlament und Umgebung mit einem Wall aus schrillem Schall.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Dann stimmen die Demonstranten „Freedom-Come-on-Ye“ an, einen alten anti-imperialen Folksong. „Wir erkennen das Ergebnis des Referendums nicht an“, ruft der Vorsitzende der Grünen, die in der Unabhängigkeitsfrage lange Zeit gespalten waren. Jetzt offenbar nicht mehr. Direkt neben ihm halten zwei Männer das gelbe Banner der SNP in die Höhe. Eine Deutsche erzählt anschließend per Megafon ihre Geschichte, wie sie seit vielen Jahren schon in Edinburgh lebt und gemeldet ist, doch trotzdem nicht mit abstimmen durfte. „Ich habe Angst, hier bald nicht mehr arbeiten zu dürfen“, ruft sie den empörten Schotten zu.

          Wenige Minuten später im Parlament beruhigt Schottlands „First Minister“ die Bürger der Europäischen Union und alle anderen Migranten in Schottland. „Ihr seid hier alle willkommen, das hier ist euer Zuhause“, ruft Nicola Sturgeon in den beginnenden Applaus hinein. „Wir wollen nicht nur eure Arbeitskraft, sondern auch eure Köpfe und Werte.“ Es ist Sturgeons erster Auftritt im Parlament seit dem Referendum.

          Diese Dringlichkeitsdebatte sei eine der wichtigsten „in der Geschichte von Holyrood, und ich will anschließend parteiübergreifende Unterstützung für unsere Bemühungen“ bei den Verhandlungen mit Brüssel und der London haben, sagte Sturgeon im Vorfeld der Ansprache, die sie mit den Worten beginnt: „Dieses Statement wollte ich nie abgeben, aber ich bin stolz darauf, wie die Schotten abgestimmt haben.“ Rund 62 Prozent der Schotten stimmten für einen Verbleib in der Europäischen Union.

          „Beste Option ist Unabhängigkeit“

          Im Parlament von Holyrood spricht Sturgeon nicht von der Kanzel, sondern von ihrem Platz aus zum „Sprecher“ des Parlaments, die Abgeordneten und den steinig-grünen Arthur’s Seat im Rücken. Der Berg füllt die großen Fensterscheiben des Saals aus und lässt die Welt hier sehr klein wirken. Sturgeon verspricht, Schottlands Platz in der EU zu verteidigen. Schon am Mittwoch werde sie nach Brüssel reisen, um dort Gespräche mit den Spitzen des Europäischen Parlaments zu führen. Ein Treffen mit Ratspräsident Donald Tusk lehnte dieser ab.

          „Der Wille des schottischen Volkes ist es, in der EU zu bleiben.“ Um dies umzusetzen, halte sie sich sämtliche Optionen offen, erklärt Sturgeon. „Die beste Option ist die Unabhängigkeit“, sagt sie, „auch wenn dieses Vorhaben nicht der Startpunkt der Verhandlungen ist.“ Wenn sich aber herausstelle, dass eine Unabhängigkeit das Beste für Schottland sei, um es in der EU zu halten, „dann sollten wir das machen“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.