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Ukip in der Krise : Die schwere Zeit nach Nigel Farage

Way out: Farage am Tag des Brexit-Referendums vor einem Wahllokal Bild: AP

Nach dem erfolgreichen Brexit-Referendum ist die britische Anti-EU-Partei Ukip in der Krise. Seit Nigel Farages Rücktritt verliert sie sich in Richtungs- und Nachfolgedebatten. Kommt Farage zurück?

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          Als Nigel Farage vor sechs Wochen sagte, er wolle sein „Leben zurückhaben“, und den Rücktritt vom Vorsitz der United Kingdom Independence Party (Ukip) ankündigte, rang dies sogar einigen Kritikern Respekt ab. „Er startete in die Politik mit einem einzigen Ziel und erreichte es – womit er für sich beanspruchen darf, einer der einflussreichsten Politiker seiner Generation zu sein“, schrieb der BBC-Korrespondent Chris Mason. Nach dem ersehnten Brexit, so Mason weiter, stelle sich den Politikern der Ukip allerdings eine schwere Frage: „Was um Himmels willen machen sie jetzt?“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Seit Farages Rücktritt verliert sich die Partei in Richtungs- und Nachfolgedebatten. So hoffnungslos wirkt die Lage, dass sie einige schon mit der Situation bei der Labour Party vergleichen. Die beiden größten Oppositionsparteien des Landes – Labour wurde bei den vorigen Unterhauswahlen von neun, Ukip von fünf Millionen Briten gewählt – sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie nicht mehr handlungsfähig wirken. Das spiegelt sich in den jüngsten Umfragen wider, in denen die Labour Party auf 28 Prozent und Ukip auf zwölf Prozent abgerutscht ist. Die regierenden Konservativen unter ihrer neuen Vorsitzenden Theresa May steigen derweil in der Gunst der Wähler und liegen bei nunmehr 42 Prozent.

          Nachfolge-Favorit Woolfe von der Wahl ausgeschlossen

          Für die Ukip geht eine verheerende Woche zu Ende, deren Konsequenzen noch nicht ansatzweise absehbar sind. Am Mittwoch entschied das „Nationale Exekutivkomitee“ der Partei, dass der als Favorit gehandelte Steven Woolfe nicht auf die Kandidatenliste für die Farage-Nachfolge kommen darf. Die Bewerbung Woolfes, der die Partei im Europaparlament vertritt, war 17 Minuten nach Ende der Bewerbungsfrist beim Komitee eingetroffen. Woolfe beharrte darauf, dass er seine Bewerbung rechtzeitig abgeschickt habe und sie aus „technischen Gründen“ nach der Frist angekommen sei.

          Es half nichts: Nach langen und erbitterten Diskussionen entschied das Exekutivkomitee mehrheitlich, den Mann aus dem Nordosten Englands von der Wahl auszuschließen. Drei Mitglieder des Gremiums legten daraufhin ihr Amt nieder und riefen dazu auf, das Komitee zu boykottieren oder gleich ganz abzuschaffen. Farage, der sich Woolfe als Nachfolger gewünscht hatte, überzog das höchste Parteigremium mit Hohn. Er sprach von „totalen Amateuren, die einmal pro Woche nach London kommen, mit einem Sandwich im Rucksack“.

          Tatsächlich war schon Woolfe zweite Wahl gewesen. Der charismatische Farage, der die Ukip viele Jahre lang als Einmannbetrieb erscheinen ließ, hatte Parteifreunden wenig Raum zur Entfaltung gelassen. Nur zweien war es gelungen, in jüngster Zeit öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Die hellste Zukunft war Parteisprecherin Suzanne Evans vorausgesagt worden, die für das Wahlprogramm verantwortlich gezeichnet hatte und sich zum Dauergast in den politischen Fernsehtalkshows entwickelt hatte. Aber Evans war im März vom Exekutivkomitee wegen „Illoyalität“ für sechs Monate suspendiert worden, eine Entscheidung, die von Farage nicht angefochten wurde. Der verübelte Evans, dass sie sich mit dem dritten Prominenten in der Partei – Douglas Carswell – verbündet hatte.

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