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Getötete britische Abgeordnete : Wer war der Mörder von Jo Cox?

  • Aktualisiert am

Britische Polizisten durchsuchen das Haus von Thomas Mair in Birstall. Bild: dpa

Großbritannien rätselt, was Thomas Mair dazu trieb, die junge britische Abgeordnete Jo Cox auf offener Straße zu töten. Die Polizei untersucht vor allem Mairs Verbindungen zu Rechtsextremen.

          Ein Einzelgänger sei er gewesen, aber nett und hilfsbereit - so schildern Nachbarn Thomas Mair. Und wie ganz Großbritannien können sie nicht fassen, dass der 52-Jährige die Labour-Abgeordnete Jo Cox auf offener Straße getötet haben soll. Berichtet wird aber auch von psychischen Problemen - und von Kontakten zu Rechtsradikalen. Beides untersucht die Polizei, wobei Verbindungen zu Rechtsextremen eine „vorrangige Richtung der Ermittlungen“ sind, wie die zuständige Polizeichefin Dee Collins betonte.

          „Er war sehr diskret, zurückgezogen“, sagt Stephen Lees, der in der gleichen Sozialbausiedlung lebt wie Mair. „Er war nett, hat nicht getrunken, keine Drogen genommen.“ Auch Nachbar David Pickles will nichts Negatives über den mutmaßlichen Angreifer sagen: Dieser sei zwar ein „Einzelgänger“ gewesen, „aber ich kann nicht sagen, dass er unsympathisch war“.

          Die Schilderungen vom netten Nachbarn stehen im starken Kontrast zu der Brutalität, mit der Cox umgebracht wurde: Der Täter schoss in Birstall dreimal auf die 41-jährige Mutter zweier Kinder, dann stach er noch mehrmals auf die in ihrem Blut liegende Frau ein.

          Ein Handbuch zum Bau von Waffen

          „Ich verstehe es nicht. Wirklich, ich verstehe es nicht“, sagt seine 69-jährige Mutter der Zeitung „Daily Mail“. Und auch der Bruder ist fassungslos: „Ich bin völlig entsetzt über die Nachrichten“, sagt Scott Mair und spricht der Familie von Cox sein Beileid aus. Er könne einfach nicht glauben, was passiert sei. „Mein Bruder ist nicht gewalttätig und nicht sonderlich politisch.“ Die Familie wisse nicht einmal, wen sein Bruder wähle.

          Allerdings war Mair offensichtlich nicht so unpolitisch wie von seiner Familie angenommen. Im Gegenteil: Nach Angaben der renommierten amerikanischen Antirassismus-Organisation Southern Poverty Law Center unterstützte der Attentäter jahrzehntelang die amerikanische Neonazi-Gruppierung National Alliance (NA), die zur Gründung eines nur von Weißen bewohnten Staates aufruft. Auch habe er für mehrere hundert Dollar Broschüren der Gruppe geordert, darunter ein Handbuch mit Anleitungen zum Bau von Waffen.

          Nach Angaben der Zeitung „The Guardian“ fand die Polizei in der Wohnung von Mair Nazi-Symbole und rechtsextreme Schriften. Laut „Daily Telegraph“ abonnierte Mair auch ein Magazin der südafrikanischen Pro-Apartheids-Vereinigung White Rhino Club.

          Gefühle der Wertlosigkeit

          Aber auch die psychische Gesundheit des Tatverdächtigen wird Collins zufolge überprüft. „Er hatte mentale Probleme, aber er hat sich helfen lassen“, sagt sein Bruder Scott Mair. Halbbruder Duane St Louis wiederum berichtet der „Sun“, dass Mair sich obsessiv um seine persönliche Hygiene kümmere. „Er hat sich andauernd gewaschen.“ Ähnliches erzählt Nachbar Stephen Lees: „Ich weiß, dass er an einer Zwangsstörung leidet. Er schrubbt sich die Hände bis aufs Blut.“

          Auch Mair selbst hatte 2010 in seiner Heimatzeitung „Huddersfield Examiner“ über seine Probleme gesprochen. Er wurde damals als ein Freiwilliger porträtiert, der in einer Gartenanlage half, nachdem er längere Zeit in einer psychiatrischen Tagesklinik behandelt worden sei. „Das hilft mir sehr viel mehr als alle Psychotherapien und Medikamente der Welt“, sagte Mair vor sechs Jahren über seine Arbeit als Freiwilliger. „Viele Menschen, die an einer mentalen Krankheit leiden, sind sozial isoliert und abgeschnitten von der Gesellschaft, oft gibt es Gefühle der Wertlosigkeit, hauptsächlich wegen langer Arbeitslosigkeit.“

          Mair selbst hatte nach Angaben seiner Nachbarn nie einen Vollzeit-Job. Er lebe allein in der Sozialwohnung. Die Wohnung habe er früher mit seiner Großmutter geteilt, bis diese vor etwa 20 Jahren gestorben sei. Und Mair half nicht nur in der Gartenanlage Oakwell Hall: Nachbarn zufolge war er Freiwilliger in der Bibliothek, vor der Cox getötet wurde.

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