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Mord an Politikerin : Getötete Politikerin hatte Drohungen erhalten

  • Aktualisiert am

Trauer um die ermordete Jo Cox im Londoner Parlamentsviertel Bild: Reuters

Die britische Abgeordnete Jo Cox hatte bereits vor drei Monaten Drohungen erhalten – allerdings nicht von dem Mann, der sie am Donnerstag niederstach. Über den mutmaßlichen Täter wird bekannt, dass er an eine Neonazi-Bewegung gespendet haben soll.

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          Die britische Abgeordnete Jo Cox hatte vor dem tödlichen Anschlag auf sie Drohungen erhalten. Die Labour-Politikerin habe sich bei der Polizei gemeldet, weil sie „bösartige Mitteilungen“ erhalten habe, teilten die Sicherheitsbehörden am Freitag mit. Die Polizei habe in diesem Zusammenhang im März einen Mann festgenommen, der später eine Verwarnung akzeptiert habe. Bei ihm handle es sich allerdings nicht um den 52 Jahre alten Thomas Mair, der am Donnerstag nach dem Mordanschlag in Gewahrsam genommen worden sei.

          Die Regierung empfahl in Reaktion auf das Attentat den Parlamentsabgeordneten, ihre Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen.

          Weltweites Entsetzen

          Die Tat löste weltweites Entsetzen aus. In London werden die Flaggen am Freitag auf Halbmast gesetzt, um der Politikerin zu gedenken. Vor dem Westminster-Palast legten in der Nacht zum Freitag hunderte von Menschen Blumen ab und zündeten Kerzen an. Angesichts des Schocks über die Tat haben die Parteien außerdem alle Brexit-Wahlkampfveranstaltungen für den heutigen Freitag abgesagt.

          Birstall : Britische Abgeordnete nach Angriff gestorben

          Auch Politiker beteiligten sich an der Trauerfeier. „Hass wird niemals Probleme lösen“, sagte Labour-Chef Jeremy Corbyn bei einer Mahnwache. Premierminister David Cameron würdigte Cox als „Politikerin mit großer Leidenschaft und großem Herzen“. Er begrüßte die Unterbrechung der Referendums-Kampagne: „Es ist richtig, dass nach dem schrecklichen Angriff auf Jo Cox die gesamte Kampagne ausgesetzt ist.“

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, der Angriff sei „schrecklich, dramatisch, und unsere Gedanken sind bei den Menschen, die betroffen sind“. Der Vorfall bedürfe angesichts des möglichen Zusammenhangs mit dem EU-Referendum in einer Woche „dringendster Aufklärung“. Amerikas Außenminister John Kerry sprach von einem „Angriff gegen alle, denen Demokratie wichtig ist und die an sie glauben“.

          Auch die im vergangenen Herbst bei einem Messerattentat lebensgefährlich verletzte Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) zeigte sich bestürzt. "Der Tod von Jo Cox geht mir wirklich nahe", schrieb Reker am Freitag im Kurzbotschaftendienst Twitter nach der Gewalttat an Cox vom Vortag. "Ausländerfeindliche Parolen münden unweigerlich in Gewalt", fügte die Kölner Stadtchefin hinzu.

          Einzelgänger in Behandlung

          Zu dem mutmaßlichen Täter Mair werden indes weitere Details bekannt. Dem Southern Poverty Law Center, eine renommierte Anti-Rassismus-Organisation in Amerika, liegen nach eigenen Angaben Dokumente vor, die den Tatverdächtigen als jahrzehntelangen Unterstützer der amerikanischen Neonazi-Gruppierung National Alliance (NA) auswiesen.

          Der Verdächtige habe die Gruppierung engagiert unterstützt und hunderte Dollar für Schriftgut der NA ausgegeben, teilte das Zentrum mit. Die NA vertritt einen Rassismus, der sich gegen alle Nicht-Weißen richtet. Der Bruder des festgenommenen berichtete am Donnerstagabend gegenüber der Zeitung „Daily Telegraph“ von einer langen Vorgeschichte psychischer Probleme des Mannes.

          „Es fällt mit schwer zu glauben, was passiert ist“, sagte Scott Mair der Zeitung. „Mein Bruder ist nicht gewalttätig, und er ist nicht besonders politisch.“ Der Bruder habe „eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen“. Allerdings sei er in Behandlung gewesen, sagte Scott Mair. In britischen Medien wurden auch Nachbarn zitiert, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschrieben, der meist für sich geblieben sei.

          Cox war am Mittag vor einer Bibliothek in Birstall in Nordengland auf offener Straße mit einem Messer attackiert worden. Wenig später erlag sie ihren Verletzungen. Der Sender Sky News berichtete unter Berufung auf einen Augenzeugen, der Angreifer habe „Großbritannien zuerst“ und „Vorrang für das Vereinigte Königreich“ gerufen.  „Großbritannien zuerst“, beziehungsweise „Britain First“, ist  auch der Name einer rechtsradikalen Partei. Die Polizei äußerte sich zunächst nicht zum möglichen Tatmotiv.

          Cox hatte für den EU-Verbleib ihres Landes geworben. Die Briten stimmen am 23. Juni über den Verbleib in der EU ab.

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