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Wer wird neuer Tory-Chef? : Der Favorit gewinnt nicht automatisch

  • -Aktualisiert am

Margaret Thatcher am 4. Mai 1979 vor dem Amtssitz des britischen Premierministers, in Downing Street 10, in London. Bild: AFP

Boris Johnson gilt derzeit als aussichtsreicher Kandidat für die May-Nachfolge. Doch ein Blick in die Geschichte der Tories zeigt: Der Kampf um diesen Posten hält meist eine unerwartete Wendung bereit.

          Der Parteivorsitz der Konservativen war einst der begehrteste Posten unter Politikern Großbritanniens. Die „Conservative Party“ wurde 1834 gegründet und hat fast zwei Drittel des 20. Jahrhunderts die Regierung Großbritanniens gestellt. Wer die Tories anführte, konnte direkt in die Downing Street Nummer 10 in London einziehen – in den Amtssitz des Premierministers.

          Wie genau ein Mitglied der Konservativen zum Parteichef gewählt wurde, war lange Zeit nicht transparent. Anfang der sechziger Jahre änderten die Tories das Wahlsystem nach und nach ab. Welcher Kandidat für den Posten nominiert wurde, entschied ab 1965 die Parlamentsfraktion. Ab der 1998 eingeführten Urabstimmung konnten die Mitglieder der Partei zwischen zwei Bewerbern aus der Fraktion wählen. Anwärter auf die Parteiführung müssen Abgeordnete der Konservativen sein und die Unterstützung von mindestens acht Kollegen haben. Gibt es nur einen Kandidaten, wird dieser automatisch der neue Tory-Chef.

          Bei mehr als zwei Bewerbern um den Posten ist hingegen ein aufwändiges Prozedere vorgeschaltet – was für die May – Nachfolge nach dem derzeitigen Stand sicher zu erwarten ist. Dann wählen die konservativen Abgeordneten ab dem 13. Juni jeden Dienstag und Donnerstag in geheimer Abstimmung. Der Kandidat mit den wenigsten Stimmen scheidet jeweils aus.

          Es wird solange gewählt, bis nur noch zwei Bewerber übrig sind. Dies dürfte Ende Juni der Fall sein. Nach einem mehrwöchigen Wahlkampf der beiden Spitzenreiter bestimmen dann alle Parteimitglieder bis Ende Juli, wer die Führung übernimmt. Sollte einer der beiden Kandidaten verzichten, könnte es schneller gehen: Das war bei Theresa May im Juli 2016 der Fall, als sich ihre Rivalin Andrea Leadsom zurückzog.

          Doch dann gewann Thatcher

          Ein Blick in die Geschichte zeigt aber, dass der Favorit dabei nicht unbedingt die besseren Karten hat. Als das aufwändige Abstimmungsverfahrens im Jahr 1965 eingeführt wurde, übernahm schließlich Edward Heath den Parteivorsitz, obwohl eigentlich Reginald Maudling vorab als sicherer Gewinner galt.

          Heath war ehemaliger Offizier im Zweiten Weltkrieg und kam mit einem Zimmermann als Vater und einer Mutter, die als Hausangestellte tätig war, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Für die Konservativen war das Neuland. Zehn Jahre später sah es so aus, als würde Heath die Wahl spielend gewinnen und seine Position festigen. Doch Margaret Thatcher trat an – und gewann. Zum ersten Mal stand nun eine Frau an der Spitze der britischen Regierung.

          Thatcher wiederum räumte ihren Posten, als sie 1990 nicht deutlich genug gegen ihren Herausforderer Michael Heseltine gewann. Damals stieg dann John Major noch in das Rennen ein und ging als neuer Parteichef aus der Abstimmung hervor. In seiner Zeit als Premierminister von 1990 bis 1997 passte auch er nicht in das Bild des typischen Anführers der Tories, der in der Regel aus einem adeligen oder großbürgerlichen Elternhaus stammte. So hatte Majors Vater unter anderem als Trapez-Artist im Zirkus, Baseballprofi und Gartenzwerg-Hersteller gearbeitet.

          David Cameron und Theresa May im Oktober 2014 in London – zu dem Zeitpunkt war Cameron noch Premierminister und May Innenministerin Großbritanniens.

          Nachdem dann mit Tony Blair und Gordon Brown zweimal in Folge, nämlich von 1997 bis 2007 und von 2007 bis 2010 der Premierminister von der Labour-Partei gestellt worden war, galt David Davis bei der Wahl zum Parteivorsitz 2005 als aussichtsreichster Kandidat. Überraschend überzeugte dann jedoch der junge Außenseiter David Cameron auf dem Parteitag mit seiner Nominierungsrede.

          Er  gab sich volksnah und versprach, die Partei zu modernisieren. Im ersten Wahlgang lag Cameron mit 56 Stimmen zunächst noch hinter David Davis, der 62 Stimmen erhielt. Im zweiten Wahlgang gewann Cameron dann haushoch gegen Davis.

          Die Queen hat das letzte Wort

          2016 musste der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson seinen Verzicht auf eine Kandidatur erklären, nachdem sein Parteikollege Michael Gove ihm seine Unterstützung entzogen hatte – und lieber selbst antrat. Damals setzte sich letztlich May durch. Für die May-Nachfolge gilt derzeit nun wiederum Johnson als aussichtsreicher Kandidat.

          Der ehemalige Außenminister und Brexit-Hardliner Boris Johnson am Freitag in London – er gilt derzeit als aussichtsreicher Nachfolger für Theresa May.

          Egal welcher der zahlreichen Kandidaten um die May-Nachfolge am Ende das Rennen macht – offizielle ernannt wird der Premierminister von Königin Elizabeth II. Die Königin ernennt für gewöhnlich denjenigen zum Regierungschef, der das Vertrauen des Unterhauses genießt, also in der Regel den Chef der stärksten Partei. Derzeit sind die Konservativen allerdings auf die Unterstützung der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) angewiesen, um eine Mehrheit im Parlament zu bekommen – was die Sache komplizierter machen dürfte.

          May hatte in ihrer Rücktrittsankündigung mitgeteilt, dass sie als Regierungschefin so lange im Amt bleiben werde, bis ihr Nachfolger an der Parteispitze bestimmt ist. Wann das genau sein wird, ist noch offen. Nach derzeitigem Stand dürfte ihr Nachfolger seinen ersten großen Auftritt auf internationalem Parkett Ende August haben. Dann findet im französischen Biarritz das G-7-Treffen der Staats- und Regierungschefs statt.

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