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Streit um May-Nachfolge : Welcher Kandidat hat den glaubwürdigeren Brexit-Plan?

Boris Johnson am Dienstag in Surrey Bild: Reuters

Boris Johnson stand im Verdacht, den Medien ausweichen zu wollen. Ganz anders als sein Gegenspieler Jeremy Hunt. Nun stellt er sich ihnen jedoch immer öfter. Vor der Kamera offenbaren beide ihre Schwächen.

          Mehr als zwanzigmal wurde Boris Johnson in einem kurzen Radiointerview zum selben Thema gefragt – nicht zum Brexit, sondern zu einem Privatfoto, das am Morgen auf fast allen Titelseiten zu sehen war. Es zeigt den Favoriten für die Nachfolge Theresa Mays in einem intimen Gespräch mit seiner Freundin Carrie Symonds, umgeben von einer saftigen englischen Landschaft. Die Leser sollten die Aufnahme offenbar als Antwort auf den heftigen Streit verstehen, den das Paar am Freitag vor Ohrenzeugen in Symonds’ Wohnung ausgetragen hatte – nach dem Motto: Ein Bild sagt mehr als tausend (laute) Worte.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Doch es warf mehr Fragen auf, als es beantwortete. War es „inszeniert“, wie eine Zeitung vermutete? Von wem – und vor allem wann – war es aufgenommen worden? Manchen fiel auf, dass Johnsons Haare länger waren als heute. Der Moderator des Senders LBC fragte sogar, ob das Foto, auf dem Johnson nur von hinten zu sehen ist, einen Doppelgänger zeige. Da musste Johnson zumindest lachen. Ansonsten blieb er bei seiner Linie: keine Antworten auf Fragen zu seinem Privatleben – was fragwürdig klang angesichts der Vermutung, dass das Bild gezielt ins Internet gestellt worden war.

          Viel Wind bläst Johnson entgegen in diesem frühen Stadium seiner Kampagne. „Stoppt den Krieg gegen Boris“ titelte eine Boulevardzeitung am Dienstag und zitierte besorgte Tories. Früh war Johnson in Verdacht geraten, den Medien ausweichen zu wollen. Er gab kaum Interviews und schlug die Einladung des Fernsehsenders Channel 4 für eine Kandidatenrunde aus.

          Johnsons Mitarbeiter verwiesen darauf, dass ihr Kandidat in den kommenden drei Wochen an 16 öffentlichen Veranstaltungen an der Parteibasis teilnehmen werde und auch an einem Fernsehduell mit seinem Rivalen, Außenminister Jeremy Hunt. Aber Hunt, der seine Chancen als Außenseiter durch permanente Medienpräsenz zu steigern hofft, will sich am liebsten nach jeder Parteiveranstaltung im Fernsehen messen. Einen „Feigling“ nannte er Johnson, der „seinen Mann stehen“ solle.

          Seit Montagnacht schlägt Johnson zurück. Erst gab er der BBC ein Fernsehinterview, dann ließ er sich im LBC-Studio von Hörern befragen; weitere Auftritte sollen folgen. Die Interviews fallen Johnson nicht leicht. Er müht sich mit exakten Angaben und Zahlen – umso mehr, wenn Fragesteller ihn unterbrechen, auf Widersprüche hinweisen und Präzisierungen einfordern.

          Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der Zweikampf um das höchste Partei- und Regierungsamt über eine Doppelfrage entschieden wird: Welcher Kandidat hat den glaubwürdigeren Brexit-Plan? Und wer bringt die Persönlichkeit mit, ihn durchzusetzen? Johnson verspricht, das Land am 31. Oktober aus der EU zu führen, ob mit oder ohne Deal. Nur mit dieser Drohung, argumentiert er, könne Brüssel ein besserer Vertrag abgerungen werden – und er sei der Mann, der sie verkörpere.

          Hunts Position schwankt hingegen zwischen Entschiedenheit und Konzilianz und erinnert manchmal an die noch amtierende Premierministerin; „May in Hosen“ wurde er schon genannt. Hunt ist bereit, den Austrittstermin abermals zu verschieben, wenn so ein besserer Deal erreichbar sei. Ansonsten arbeitet er sich an der Position des Favoriten ab.

          Dafür lieferte ihm Johnson nun neuen Stoff. In Interviews bezeichnete er Mays Deal als „tot“, kündigte jedoch an, die im Austrittsvertrag vereinbarten Garantien für EU-Bürger im Königreich „bedingungslos“ in britisches Recht zu überführen. Die zugesagten 39 Milliarden Pfund für Brüssel will Johnson in „konstruktiver Unklarheit“ halten und für die Verhandlungen nutzen. Er zeigt sich zuversichtlich, dass die Grenzfrage auf der irischen Insel gelöst werden könne. Es gebe nicht „die eine Wunderwaffe“, aber „reichlich technische Lösungen“, um Grenzkontrollen zu verhindern.

          Immer wieder wird Johnson das Gleiche gefragt: Warum er glaube, dass die EU zu Nachverhandlungen bereit sei und das Unterhaus die Drohung mit einem No-Deal-Brexit nicht abermals blockiere? Johnson antwortet darauf, dass die Europawahl mit dem Erfolg EU-kritischer Parteien die Lage verändert habe. Sollten die Tories den Brexit nicht bis zum 31. Oktober bewerkstelligt haben, drohe ihnen der „Untergang“.

          Mehrere konservative Brexit-Gegner haben schon angekündigt, ein Misstrauensvotum gegen die eigene Regierung zu unterstützen, sollte Großbritannien ohne Abkommen aus der EU geführt werden. Johnson scheint zu hoffen, diese Rebellion so klein halten zu können, dass sie die Regierungsmehrheit (mit der DUP) nicht gefährdet. Hunt, der seinerseits den No-Deal-Brexit als Druckmittel einsetzen will, fürchtet hingegen, dass das Unterhaus dem nächsten Premierminister abermals die Hände binden könnte, und fragt nach Johnsons Plan B.

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