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May-Nachfolge : Boris Johnson bleibt Favorit, Rory Stewart holt auf

Boris Johnson gilt im Rennen um Mays Nachfolge als kaum zu schlagen. Bild: AP

Boris Johnson zieht mit 126 der 313 Stimmen aus der Tory-Fraktion in die nächste Wahlrunde. In das Feld seiner Verfolger kommt derweil erhebliche Dynamik – vor allem der „Anti-Boris-Kandidat“ könnte dem Favoriten gefährlich werden.

          Auch wenn der neue Premierminister erst in fünf Wochen feststehen dürfte, lädt sich das Rennen um die Nachfolge Theresa Mays dramatisch auf. Boris Johnson zementierte seine Favoritenrolle am Dienstag, als er mit 126 Stimmen – zwölf mehr als beim ersten Durchgang – abermals als Sieger aus den Vorwahlen in der Fraktion hervorging. Aber unter seinen Mitbewerbern verschob sich die Dynamik erheblich. Die beiden stärksten Verfolger – Außenminister Jeremy Hunt und Umweltminister Michael Gove – legten kaum zu und kamen nur auf 46 und 41 Stimmen. Wesentlich verbessern konnten sich dagegen Innenminister Sajid Javid (33 Stimmen) und vor allem Entwicklungshilfeminister Rory Stewart, der seine Stimmen seit der vergangenen Woche auf 37 fast verdoppeln konnte und damit nunmehr auf Platz vier vorgerückt ist. Der frühere Brexit-Minister Dominic Raab verfehlte hingegen die Marge von 33 Stimmen und schied aus.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Damit gehen die letzten fünf Bewerber in aufregende 48 Stunden mit bis zu drei weiteren Wahlgängen. Spätestens am Donnerstagabend sollen die beiden Kandidaten feststehen, die sich dann den Parteimitgliedern in einer Urwahl stellen werden. Johnson ist der Platz auf der Liste kaum noch zu nehmen, aber wer Rang zwei einnehmen wird, wirkt jetzt völlig offen. Als die große Überraschung gilt Rory Stewart, der als Außenseiter gestartet war und inzwischen die Phantasien beflügelt. Mit seiner ungewöhnlichen Kampagne, die ihn stilistisch wie inhaltlich von den Mitbewerbern abhebt, war er in den vergangenen Tagen in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit gerückt und damit auch zum Angriffsziel anderer Anwärter geworden. Dies scheint ihm nicht geschadet zu haben.

          Der Frage, wie der künftige Regierungschef den Brexit gestalten will, steht nach wie vor im Zentrum der Kandidatendebatte, aber sie ist nun um einige Kontroversen reicher, die sich weniger am Favoriten Johnson entzündeten als am Außenseiter Stewart. Sajid Javid rückte die Klassenfrage in den Vordergrund und warnte davor, zwei Kandidaten zu wählen, die dieselbe elitäre Ausbildung bekommen haben. Er musste die Namen nicht nennen: Nur Johnson und Stewart besuchten das Internat Eton und studierten danach in Oxford. Sie würden das moderne Britannien nicht mehr abbilden, sagte Javid, der als Sohn eines pakistanischen Busfahrers auf eine staatliche Schule gegangen ist.

          Gove wiederum warnte vor einer „polarisierenden“ Endrunde. Wieder ging es vor allem um Stewart, denn der ist der Einzige, der sich vehement gegen Johnson ausspricht und das Austrittsabkommen mit der EU nicht nachverhandeln will, was nach Meinung vieler Tories die Tür zu einem weichen Brexit oder gar einem zweiten Referendum aufstoßen könnte. Auch die dritte Frage, die nun die Kandidatenkür prägt, dreht sich mindestens so sehr um Stewart wie um Johnson: Kompetenz. Klar werben die Schwergewichte im Kabinett – Gove, Javid und Hunt – mit ihrer langjährigen Erfahrung in hohen Ministerämtern. Johnson hingegen war nur kurze Zeit Außenminister, und Stewart wurde erst vor wenigen Wochen ins Kabinett berufen; davor arbeitete er als Diplomat und Dozent.

          Vor der Abstimmung sagte Stewart, er lasse sich gerne als „Anti-Boris-Kandidat“ bezeichnen. Mit dem Momentum, das ihm gerade von allen Seiten bescheinigt wird, könnte er in den kommenden Tagen den nicht kleinen Teil von Abgeordneten auf seine Seite ziehen, die Johnson um jeden Preis verhindern wollen.

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