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Madeleina Kay : Ein Supergirl gegen den Brexit

  • -Aktualisiert am

Madeleina Kay bei einer Protestaktion Ende Januar in London. Vor Ort waren Brexit-Gegner und -Befürworter. Bild: AP

Die britischen Abgeordneten ringen am Abend um Mays Brexit-Deal, für den die Premierministerin der EU in letzter Sekunde noch rechtliche Zusagen abgetrotzt hat. Gleichzeitig werben die Brexit-Gegner vehement für ein zweites Referendum. Der Protest hat ein Gesicht: das von Madeleina Kay.

          Sie wird an diesem Dienstag abermals vor dem Westminster Palace in London stehen. Vermutlich im Superheldinnen-Kostüm, darüber die mit kleinen Union-Jack-Flaggen übersäte Regenjacke, in der Hand ein EU-Banner oder ein selbstgemaltes Plakat. Mit Madeleina Kay werden viele andere Brexit-Gegner vor Ort sein, die zeigen wollen, dass es neben dem von Theresa May mit der EU ausgehandelten Abkommen und einem No-Deal-Brexit noch eine dritte Option gibt: ein zweites Referendum.

          Für die Abgeordneten im Unterhaus ist eine neue Brexit-Abstimmung am Dienstagabend keine Option: Sie werden ein zweites Mal über den Brexit-Plan der Premierministerin abstimmen. Zu dem Zeitpunkt wird Madeleina Kay ihr Plakat schon eingerollt und ihr Kostüm ausgezogen haben. Nur der blau gefärbte Pony in ihrem sonst grell blonden Haar wird dann noch an ihr Superheldinnen-Dasein erinnern. Madeleina Kay ist in den vergangenen Monaten zum Gesicht des Anti-Brexit-Protests in Großbritannien geworden: Immer wieder tauchten Bilder der 24-Jährigen im Superheldinnen-Kostüm in den britischen Medien auf.

          Sie waren es auch, die Kay zum „EU-Supergirl“ ernannten, nachdem diese aus einer Pressekonferenz zu den Brexit-Verhandlungen in Brüssel geworfen wurde. Den Titel nahm Kay gerne an, sie fügte ihn zu ihren Accounts in den sozialen Netzwerken hinzu. Auf Twitter folgen ihr fast 29.000 Menschen, auf Instagram sind es 3000 Abonnenten. Eine Stiftung ernannte Kay im vergangenen Jahr zur Jungen Europäerin des Jahres, 2017 gewann sie einen Blogging-Wettbewerb der EU-Kommission.

          In politischen Kampagnen wird der Effekt von Musik unterschätzt, findet Kay. Sie hat fast immer ihre Gitarre dabei.

          Für die Protestaktion am Dienstag ist Kay einmal mehr nach London gereist. Die Aktivistin lebt mit ihrem Vater in Sheffield, mehr als 200 Kilometer entfernt von der Hauptstadt. Mit Politik hatte sie lange Zeit wenig zu tun. Sie studierte Landschaftsarchitektur und wählte eine Partei links der Mitte. Dass die Briten im Juni vor drei Jahren mehrheitlich für den EU-Austritt stimmten, hatte sie nicht erwartet. Umso schockierter war Kay, als der Brexit nach dem Referendum fest stand. Was die „Brexiteers“ als Tag der Unabhängigkeit feiern, ist in ihren Augen „ein tragischer Fehler“. „Der beste Deal, den wir haben können, ist der, den wir aktuell als Mitgliedsstaat der Europäischen Union haben“, sagt sie FAZ.NET.

          Seit dem Referendum hängt der Brexit wie ein Damoklesschwert über Großbritannien. Kay politisierte die Abstimmung im Juni vor knapp drei Jahren: Sie stellte fest, dass sie nicht wusste, was die EU überhaupt für Großbritannien leistet. Sie recherchierte, fand heraus, dass die EU ihre Heimatstadt zum Beispiel finanziell dabei unterstützte, im sonst grauen Stadtkern Bäume zu pflanzen. Kay schrieb Songs, sang sie in die Kamera ihres Laptops und lud sie im Internet hoch. Die Songtitel klingen nach Liebesliedern, widmen sich aber dem Brexit. Titel wie „I think we should stay“ , „You don't know what you've got until it's gone“ und Co. haben mal 500, meist 1000, manchmal aber auch 3000 Klicks. Als Kay auf einer zweiwöchigen Protesttour mit einem gelben Bus in Brüssel, Irland, Edinburgh und Bristol hielt und sang, blieben viele Menschen stehen – auch dank dem Superheldinnen-Kostüm.

          „Ich nehme mich selbst nicht zu ernst, das, was ich tue, aber schon“, sagt Kay. Mit ihrer eigenen Art, für die EU zu werben, scheint sie das zu erreichen, was die „Remain“-Kampagne in Großbritannien vor dem Referendum nicht schaffte: sich das Gehör der teilnahmslosen Briten zu verschaffen, die von der Brexit-Debatte genervt sind. „In Zeiten von Donald Trump und Co. brauchen wir eine emotionale und kreative Strategie, um auf uns aufmerksam zu machen“, sagt Kay. Dafür zieht sie sich statt dem Superheldinnen-Outfit auch mal ein Valentinstags-Kostüm an. Erst am Sonntag trug sie bei einem „Woof-erendum“ in London, bei dem Hundebesitzer gegen den Brexit protestieren, Hundeohren und Fellkostüm. Sie sah aus wie ihr weißer Hund Alba, den ihre Fans von ihrem Blog kennen.

          Für die Brexit-Befürworter bietet Kay wenig Angriffsfläche. Dafür ist ihr Auftreten zu bunt und friedlich. „Unser Dialog ist sehr zivilisiert“, beschreibt Kay das Verhältnis mit ihnen. Kritiker werfen der 24-Jährigen allerdings immer wieder Oberflächlichkeit und Unwissen vor. Doch wer mit Kay spricht, merkt schnell, dass sie sehr wohl Ahnung hat. Auch findet sie an der EU längst nicht alles gut, im Gegenteil. „Die Europäische Union braucht eine Menge Reformen“, sagt sie. Erst vor kurzem reichte sie bei der EU eine Bürgerinitiative für ein Label ein, das vegetarische und vegane Lebensmittel kennzeichnen soll. Ein „phantastisches demokratisches Tool“, wie sie findet. Den Online-Antrag zu stellen, sei allerdings so schwierig gewesen wie nur möglich.

          „Eine 100-prozentige Besessenheit“

          Nahbarer müsse die EU werden und mehr für ihre Arbeit werben, schlägt Kay vor. Bei vielen jungen Briten komme bislang nicht an, dass die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens ihr Leben verbessere. So lange das der Fall ist, will Kay aufklären. Auf den Straßen und mit Broschüren, in denen sie zum Beispiel auflistet, welche „24 Reasons to Remain“ die Briten hätten, darunter etwa 45 Jahre Frieden, Verbraucherschutz und Reisefreiheit.

          Die Kampagne ist für Kay längst mehr als ein Vollzeitjob. „Eine 100-prozentige Besessenheit“, nennt sie es selbst und lacht. Sie veröffentlichte in knapp drei Jahren sechs Kinderbücher, darunter „Theresa Maybe in Brexitland“. Ihr Studium unterbrach sie nach ihrem ersten Jahr als Aktivistin, ihre Freunde trifft sie inzwischen nur noch etwa alle zwei Monate. Geld für ihre Kampagne erhält sie ausschließlich via Crowdfunding. Wie viel Geld sie braucht, variiert sehr stark. Mit 1000 Pfund pro Monat rechnet sie, fügt aber hinzu, dass allein ein Musikvideo schon denselben Betrag koste.

          Eine Pause ist für Kay nicht in Sicht. Egal, wie der Brexit ausgehen wird, „Europa braucht weiterhin ein Supergirl, das für es kämpft“, sagt sie. Entweder eines, das in Großbritannien die „Rejoin“-Kampagne anführt oder eines, das für die EU-Wahlen Ende Mai wirbt. Dass die Briten die EU zum offiziellen Austrittsdatum am 29. März, ihrem Geburtstag, tatsächlich verlassen werden, glaubt Kay nicht: „In den vergangenen drei Jahren ist in der britischen Politik das Unmögliche möglich geworden“, sagt sie. Warum also nicht auch ein zweites Referendum?

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