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Parteitag der Labour Party : Ein Schwenk zum Linkspopulismus

Begeisterte Corbyn-Fans: Delegierte beim Labour-Parteitag am Mittwoch in Liverpool Bild: AFP

Jeremy Corbyn vermeidet auf seiner Parteitagsrede eine klare Position zum Brexit. Denn damit lässt sich nur wenig gewinnen. Die Labour Party will auf andere Weise punkten.

          7 Min.

          Mehr als eine halbe Stunde dauerte es, bis Jeremy Corbyn zum ersten Mal das B-Wort erwähnte, und es klang ein bisschen so, als könne er dieses lästige Hindernis namens Brexit, das auf dem Weg zu einem Labour-geführten Britannien liegt, leider nicht umgehen. In seiner Grundsatzrede, die am Mittwoch den Parteitag in Liverpool beendete, wollte der Vorsitzende der Labour Party lieber über anderes reden: über den „Wiederaufbau“ Britanniens nach acht Jahren „sozialem Vandalismus’“, über eine Reform der „Eigentumsverhältnisse“, auch über eine neue Außenpolitik, die „Diplomatie über Drohungen“ stelle. Corbyn versprach nicht einfach eine andere Regierung, sondern einen fundamentalen Politikwechsel. „Die alte Art, die Dinge zu machen, funktioniert nicht mehr“, sagte er.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Auch jemand, der sich als Visionär versteht, muss seinem Parteivolk ein paar schmackhafte Brocken hinwerfen, und davon gab es in seiner Rede reichlich. Eine „grüne Job-Revolution“ soll 400000 neue hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen und die Bahn binnen fünf Jahren verstaatlicht werden. Kleinkinder sollen an drei Tagen in der Woche kostenlos betreut werden, Erzieherinnen höhere Löhne bekommen, zehntausend mehr Polizisten auf den Straßen für Ordnung sorgen und große Unternehmen jährlich ein Prozent ihres Werts in einen Arbeitnehmerfonds umleiten. All das trug Corbyn ruhig und selbstbewusst vor, so, als fürchte er sich nicht mehr vor der Frage, wie das alles bezahlt werden soll. „Wir repräsentieren jetzt den gesunden Menschenverstand unserer Zeit“, sagte er.

          Die Furcht ist verflogen

          Corbyn und seine Weggefährten sind überzeugt, dass sie „das Argument gewonnen haben“, wie man im Englischen sagt. Forderungen, die noch vor wenigen Jahren von einer Mehrheit als radikal zurückgewiesen worden wären, können nun gelassen erhoben werden. Der Widerstand in der eigenen Partei artikuliert sich nicht mehr. Jene, die Corbyn für einen Totengräber der Labour Party halten, kommen nicht mehr auf die Parteitage oder haben sich ganz zurückgezogen. In Liverpool war Corbyn die Partei, und die Partei war Corbyn. Und doch lag etwas Gebrochenes in der Feierstimmung.

          Vor drei Jahren, kurz nach seiner überraschenden Wahl, hatten die Delegierten ihren neuen Vorsitzenden fast ungläubig beäugt, in einem Zustand zwischen Schockstarre und Erwartungsfreude. Im Jahr darauf wurde „Jezza“ schon auf Händen getragen, zumindest von seinen Fans. Erstmals präsentierte sich die linke Basis-Bewegung „Momentum“, die ihn in der Urwahl an die Macht gebracht hat, in voller Stärke und zog die Aufmerksamkeit des Parteitags auf sich. Nach dem unerwartet guten Ergebnis bei der Neuwahl im vergangenen Jahr hatte Corbyn dann einen Auftritt, der dem eines Heilands glich. So laut und verzückt sangen die Delegierten die Hymne „Oh Jeremy Corbyn“, dass den Konservativen, die traditionell in der Woche danach tagen, ganz angst und bange wurde. Diese Furcht ist nicht vergangen, aber sie hat sich doch etwas gelegt, und das wiederum strahlte auf den Parteitag in Liverpool zurück.

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