https://www.faz.net/-icu-8iuq8

Camerons Nachfolge : Wer zieht in Downing Street 10 ein?

  • Aktualisiert am

Die Downing Street 10 in London ist der Sitz des Premierministers. Cameron zieht aus, wer zieht ein? Bild: AFP

Die Kandidaten für David Camerons Nachfolge stehen fest. Die wohl größte Überraschung ist der Verzicht Boris Johnsons. Doch wer hat die besten Chancen, wer ist schon raus? Ein Überblick.

          3 Min.

          Direkt nachdem das „Ja“ zum Brexit feststand, kündigte Premierminister David Cameron seinen Rücktritt an. Drei Monate wird er noch im Amt bleiben, im Oktober übernimmt dann sein Nachfolger den Vorsitz der konservativen Partei und den Posten als Premierminister. Bis 12 Uhr mittags am Donnerstag konnten sich die konservativen Abgeordneten für die Nachfolge Camerons bewerben. Nun steht fest, wer im Rennen ist.

          Fünf Politiker sind es, einer von ihnen wird am 9. September als Nachfolger feststehen. Gewählt wird laut dem TV-Sender „BBC“ wahrscheinlich nach dem selben Schema wie schon 2005, als Cameron den Posten gewann. Damals wählen die Parlamentsabgeordneten der Tories in jedem Wahlgang einen Kandidaten raus, bis nur noch zwei übrig blieben. Zwischen diesen beiden Kandidaten dürfen dann nicht mehr nur die Abgeordneten wählen, sondern die Partei-Mitglieder in einer Urwahl. Wer gewinnt, ist der neue Parteivorsitzende und Premierminister.

          Der Favorit der Buchmacher, Boris Johnson, ehemaliger Bürgermeister von London und führender Vertreter der Leave-Kampagne, hat hingegen überraschenderweise angekündigt, nicht anzutreten. In einer Pressekonferenz sagte er, dass die Partei vereinigt werden müsse und dass dafür die talentiertesten Politiker benötigt würden. Er selbst werde es jedoch nicht machen.

          Zwei weitere Minister aus Camerons Kabinett hatten zwischenzeitlich ebenfalls mit der Kandidatur geliebäugelt: Nicky Morgan, die Bildungsministerin, stellte sich jedoch hinter Michael Gove, Gesundheitsminister Jeremy Hunt wird Theresa May unterstützen.

          Theresa May

          Seit 2010 Innenministerin: Theresa May.

          „Mein Vorschlag ist sehr einfach. Ich bin Theresa May und ich finde, ich bin die beste Wahl als Premierministerin für dieses Land“: So kündigte May am Donnerstagvormittag ihre Kandidatur für die Parteispitze und den Posten des Premierministers an. Seit sechs Jahren ist May Innenministerin, seit fast 20 Jahren sitzt sie im Parlament. Für manche ist sie bereits die „britische Angela Merkel“, sie ist neben Gove die heißeste Anwärterin auf den Chefposten der Tories und auf den Titel als Premierministerin.

          May bringt Erfahrung mit, hielt sich aber gleichzeitig bei dem schmutzigen Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum zurück, obwohl sie für einen Verbleib war. Nun könnte sie sich gut als die Frau positionieren, die die Partei wieder einen wird. In ihrer Rede am Donnerstag warb sie mit ihrem Verhandlungsgeschick, versprach Ergebnisse bei den Gesprächen mit der EU zum Austritt. Die Entscheidung der Bevölkerung zum Brexit werde sie respektieren. Auch möchte sie als Premierministerin ein neues Ministerium zum Brexit gründen.

          Michael Gove

          Michael Gove ist Staatssekretär des Justizministeriums.

          Ursprünglich war Michael Gove Verbündeter von Boris Johnson in der Brexit-Kamapgne, Seite an Seite kämpften sie für „Vote Leave“. Man ging davon aus, dass Gove deshalb Johnsons Wahl zum Parteivorsitzenden und Premierminister Unterstützen werde – bis er selbst seine Kandidatur verkündete. Er sei allerdings zu der Entscheidung gekommen, dass Johnson nicht die Fähigkeiten habe, ein Team für die Aufgabe vor ihnen zusammenzubringen, berichtet der britische TV-Sender „BBC“.

          Der 48 Jahre alte Gove war früher Journalist für die britische Zeitung „The Times“ und ist seit 2005 Mitglied des Parlaments. Inzwischen ist er Justizminister in Camerons Kabinett, die beiden seien laut „BBC“ auch gut befreundet, trotz ihren unterschiedlichen Einstellungen zum Brexit. Der Verzicht Johnsons könnte seine Chancen signifikant verbessern. Im Jahr 2012 hatte Gove allerdings im „BBC Radio“ noch gesagt, er sei „nicht dazu geeignet, Premierminister zu werden.“

          Stephen Crabb

          Junger Star der Konservativen: Stephen Crabb.

          Als die Frage nach Camerons Nachfolge gestellt wurde, war Crabb der erste, der den Zeigefinger in die Höhe hob. Der 43 Jahre alte Crabb gilt als einer der jungen Stars der Konservativen und versprach, als Premierminister die Partei und das Land wieder zu einen. Im Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum hatte er sich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stark gemacht.

          Crabb wurde in Schottland geboren und war, bevor er Arbeit– und Rentenminister wurde Minister für Wales. In den verschiedenen Teilen Großbritanniens kennt man ihn also. Er ist zwar wegen seines „Neins“ zur Homo-Ehe und Verbindungen zu radikalen christlichen Organisationen nicht unumstritten, macht sich aber auch für soziale Mobilität und Chancengleichheit stark. Crabb selbst kommt aus keinen einfachen Verhältnissen, seine alleinerziehende Mutter war auf Sozialleistungen des Staats angewiesen.

          Liam Fox

          Schon einmal wurde er fast Premierminister: Liam Fox.

          Fox war schon einmal heißer Kandidat für die Parteispitze und den Posten als Premierminister: 2005 verlor er gegen Cameron, zweiter wurde damals David Davis, Fox wurde dritter. Nun versucht der 54 Jahre alte Abgeordnete es abermals. Er hatte sich in den vergangenen Wochen für einen Austritt Großbritanniens stark gemacht, warb aber auch für Einigkeit in der Partei.

          2011 erlitt seine Karriere allerdings einen schweren Schlag, nachdem umstrittene wirtschaftliche Verstrickungen mit seinem Freund und Lobbyisten Adam Werritty an die Öffentlichkeit gerieten, musste Fox von seinem Posten als Verteidigungsminister zurücktreten.

          Andrea Leandsom

          Andrea Leadsom bei der letzten Brexit-TV-Debatte.

          Leandsom ist seit etwa einem Jahr Staatssekretärin im Energieministerium, seit 2010 sitzt sie im Parlament. Im Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum hatte sie sich für die „Vote Leave“-Kampagne stark gemacht, war einer der Stars neben Boris Johnson und vertrat die „Brexiteers“ sogar bei der letzten großen TV-Debatte vor der Volksabstimmung. Auf Twitter kündigte sie an, als Parteivorsitzende und Premierministerin „das beste aus den Möglichkeiten des Brexit zu machen“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Impeachment-Anhörungen : Trumps Schattendiplomat

          Gordon Sondland muss sich auf ein regelrechtes Verhör gefasst machen. Von dem amerikanischen Botschafter bei der EU erhoffen sich die Demokraten Aussagen, mit denen sie Donald Trump der Erpressung und Bestechung überführen können.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.