https://www.faz.net/-icu-9rwme

Folgen des Brexits für Irland : Ein Dorf – zwei Staaten

  • -Aktualisiert am

Täglich passieren Fußgänger, Auto- und LKW-Fahrer diese Brücke und damit die Grenze zwischen Nord- und Südirland. Mit einem harten Brexit könnte hier ein Kontrollpunkt entstehen. Bild: Pauline Stahl

Noch ist es eine unsichtbare Grenze, die Nordirland von der Republik Irland trennt. Mit dem Brexit würde sie zur EU-Außengrenze. Für die Bewohner von Pettigo bedeutet das, dass der Nordirlandkonflikt wieder aufleben könnte.

          3 Min.

          Pettigo ist ein kleines Dorf zirka 200 Kilometer nördlich von Dublin: Die Menschen kennen sich mit Namen. Freundlich wird gegrüßt – auch wer nicht aus dem Ort kommt. Rundherum grasen Schafe und Kühe auf grünen Wiesen, Touristen lockt nur der nahegelegene See Lough Derg in diese einsame Gegend. Die Einwohner Pettigos kaufen ein, machen Sport oder trinken ein Guiness im Pub. Dort tönt es mehrmals täglich aus dem Radio: „Get ready for Brexit“. Trina Britton hat meistens einen nordirischen Sender eingestellt. Die 48 Jahre alte Irin besitzt einen Pub in dem 300-Einwohner-Dorf. Um von ihrem Haus zur Arbeit zu kommen, muss sie eine Grenze überqueren.

          So wie täglich viele Fußgänger, Autos und Lastwagen. Sie alle müssen über die schmale Steinbrücke, unter der sich der Fluss Termon entlangschlängelt. Sie liefern Waren aus, kaufen ein, gehen zum Arzt oder Golfen. Doch die Stimmung ist gedrückt, es herrscht Unsicherheit vier Wochen vor dem angestrebten Brexit-Termin. Mit dem EU-Austritt würde sich innerhalb kürzester Zeit alles ändern. Denn dann wird der Termon, der Pettigo in der Mitte teilt, zur EU-Außengrenze. Posten und Kontrollen könnten die Folge sein.

          Für die Anwohner ist dieses Szenario unvorstellbar. Doch zurzeit quält sie vor allem die Unsicherheit über die Zukunft. „Es ist einfach besorgniserregend“, sagt Britton. Für die Mutter einer Tochter ist die größte Angst, dass der Nordirlandkonflikt wieder aufflammt. Sie könne sich noch an die Zeit erinnern, in der die Auseinandersetzungen zwischen den protestantischen Nordiren und den katholischen Republikanern zu zahlreichen Anschlägen entlang der Grenze geführt haben. Dazu war es gekommen, weil der südliche Teil der Insel, in dem der Pub steht, 1922 unabhängig wurde, Nordirland jedoch ein Teil Großbritanniens blieb. Erst 1998 kehrte mit dem Karfreitagsabkommen Frieden ein.

          Trina Brittons Pub liegt direkt am Fluss Termon, der Pettigo teilt.

          Diese Vergangenheit ist auch in Jerry MacGraths Kopf noch sehr präsent. „Wir hatten die Konflikte jahrelang. Mit dem Abkommen hat es sich beruhigt. Alles, was den Verkehrs- und Handelsfluss zwischen Nord- und Südirland behindern würde, könnte die Gewalt zurückbringen“, sagt der Taxifahrer aus der nordirischen Stadt Enniskillen. Der Sechzigjährige habe viel Zeitung gelesen und Nachrichten geschaut und trotzdem ist er ratlos: „Niemand weiß, was die Konsequenzen des Brexits sein werden. Es könnte eine Menge Dinge betreffen, über die wir nicht einmal nachgedacht haben.“

          Noch fährt er seine Kunden von Nord nach Süd, von Süd nach Nord, ohne es wirklich wahrzunehmen. Kein Schild weist darauf hin, dass er beim Überqueren der Brücke eine Grenze überschreitet. Ganz in der Nähe, nur wenige Schritte von „Brittons Bar“ entfernt, arbeitet James McGhallager bei der Post. „Ich überquere die Grenze drei, vier oder fünf Mal in der Woche“, sagt der Einundsechzigjährige. Er merkt, dass die Menschen die Werbung im Radio und auf Plakaten wahrnehmen, sich auf den Brexit vorzubereiten. Bei dem Postbeamten müssen Nordiren das Formular abgeben, mit dem sie einen irischen Pass beantragen können. „In diesem Jahr habe ich zehn Mal so viele Formulare bekommen, wie die Jahre davor“, sagt er. Anspruch auf die irische Staatsbürgerschaft hat jeder, der in Irland oder Nordirland geboren wurde oder dessen Eltern oder Großeltern aus Irland stammen. Mit dem Pass sichern sich die Nordiren im Falle eines harten Brexits Rechte als EU-Bürger.

          James Gallagher arbeitet bei der Post in Pettigo und lebt in einem Haus, das mitten auf der Grenze steht.

          Ein solcher No-Deal-Brexit hätte nicht nur Auswirkungen auf die Einwohner, sondern auch auf die Wirtschaft und den Handel der Insel. „In den vergangenen Jahren, seit dem Karfreitagsabkommen, haben EU-Förderprogramme eine Schlüsselrolle in der Modernisierung der Grenzgebiete gespielt“, sagt Pamela Arthurs, Geschäftsführerin von „East Border Region.“ Der Verband unterstützt die wirtschaftliche Entwicklung von Landwirtschaft, Industrie, Handel und Tourismus in der Grenzregion. „Der Brexit hat das Potential, diesen Fortschritt zu zerstören.“ Die meisten Unternehmen haben laut Arthurs nicht die Kapazität oder die finanziellen Mittel für komplexe Zollbestimmungen. Damit würden sie unrentabel und Nordirlands Waren weniger wettbewerbsfähig.

          Damit es dazu nicht kommt, arbeite Irland eng mit der Europäischen Kommission zusammen, heißt es in einer Erklärung der irischen Regierung. Die gemeinsamen Ziele seien, das Karfreitagsabkomen und den freien europäischen Markt sowie Irlands Platz darin zu schützen. Dabei könne „nur ein Backstop den Binnenmarkt komplett sichern, eine harte Grenze verhindern und die Wirtschaft der Insel schützen.“

          Dass eine solche Klausel Kontrollen und lange Wartezeiten an den Übergängen verhindert, hoffen Helen Oshea und Paul Murphy. Sie leben etwas außerhalb des Dorfzentrums auf einer kleinen Anhöhe. Ihr Haus, das gleichzeitig ein „Bed and Breakfast“ ist, steht in der Republik Irland. Von der Terrasse aus können sie die Felder überblicken, die zu Großbritannien gehören. Oshea versucht, dem Brexit etwas Positives abzugewinnen: „Es könnte helfen, die Menschen in die Gegend zurückzuholen.“ Denn seitdem die Grenzen geöffnet wurden, „was ein großer Vorteil ist“, habe sich die Population in Pettigo aufgrund fehlender Arbeitsplätze drastisch verringert.

          Paul Murphy und Helen Oshea vor ihrem Bed and Breakfast in Pettigo

          Glücklich wäre sie über eine harte Grenze trotzdem nicht. Für die Einundsechzigjährige sieht es so aus, als versuchten Nordirland und England den Iren die Schuld für das zu geben, was gerade passiert. „Dabei scheinen sie nicht zu realisieren, dass sie es sind, die Europa verlassen“, sagt sie. Darunter litten dann trotzdem die Bewohner des Ortes. „Wir müssen einfach abwarten und schauen, was passiert“, sagt Murphy, bevor er zum Golfen auf der anderen Seite der Grenze aufbricht.

          Diese Ansicht scheint sich im gesamten Dorf breit gemacht zu haben, es herrscht Resignation. Jeder geht seinem Tagewerk nach und am Samstagnachmittag in Brittons Pub. Geredet wird nicht viel, schon gar nicht über Politik. „Im Radio sagen sie, wir sollen uns für den Brexit bereit machen“, sagt Britton, „aber ich denke niemand weiß, was passieren wird.“

          Weitere Themen

          Kaum Fehler, aber auch keine Vorstöße

          Johnson gegen Corbyn : Kaum Fehler, aber auch keine Vorstöße

          Vor der Wahl in Großbritannien sind Premierminister Johnson und sein Herausforderer Jeremy Corbyn im britischen Fernsehen aufeinandergetroffen. Doch den hohen Erwartungen der Vortage konnte das TV-Duell nicht standhalten.

          Topmeldungen

          Die israelische Siedlung Migron in der Westbank

          Israel und Palästina : Die Besetzung bleibt rechtswidrig

          Zumindest für den UN-Sicherheitsrat ist die Sache klar: Der Bau israelischer Siedlungen in den besetzten palästinensischen Gebieten bleibt völkerrechtswidrig – und Israel ist aufgefordert, alle Siedlungsaktivitäten einzustellen.

          Johnson gegen Corbyn : Kaum Fehler, aber auch keine Vorstöße

          Vor der Wahl in Großbritannien sind Premierminister Johnson und sein Herausforderer Jeremy Corbyn im britischen Fernsehen aufeinandergetroffen. Doch den hohen Erwartungen der Vortage konnte das TV-Duell nicht standhalten.
          Mann des Abends: Serge Gnabry

          6:1 gegen Nordirland : Deutsches Schaulaufen zum Gruppensieg

          Zum Abschluss bereitet die EM-Qualifikation doch noch unbeschwerte Freude: Gegen Nordirland gibt es einen 6:1-Sieg. Gnabry trifft dreimal, Goretzka zweimal. Zur Belohnung gibt es im Sommer drei EM-Heimspiele.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.