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Junge Polen zur EU-Krise : „Der Brexit ist schlecht für uns“

Das Wahrzeichen Warschaus: der Kulturpalast. Bild: AP

In Warschaus Innenstadt auf junge EU-Befürworter zu treffen, ist nicht schwierig. Sie verstehen sich als Europäer. Doch sie haben Angst.

          Piotrek hat einen ruhigen Abend erwischt hinter seiner Theke, im Herzen der Warschauer Altstadt. Die elegante Bar im Stile eines britischen Herrenclubs ist   bei Ausländern mittleren Alters eigentlich beliebt und an anderen Tagen prall gefüllt. Doch an diesem Samstag ist es anders. Europäische Besucher, die noch unterwegs sind, verfolgen entlang der Krakowskie Prezdmieście, der Flaniermeile Warschaus, in den gut besuchten Restaurants auf großen Monitoren das EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien.

          Bis zur Bar an der Stadtmauer, unweit des Marktplatzes, schafft es kaum noch jemand. Und wer doch eintritt, macht auf der Schwelle kehrt. Piotreks Chef, ein hochgewachsener, gut aussehender Inder in den 60ern, sitzt gemeinsam mit seiner jungen polnischen Freundin in der Bar und frönt seinen Schwächen für Zigarillos und lauten Jazz, abgespielt aus einer iPod-Enzyklopädie von angeblich 26.000 Titeln.

          Piotrek stört das nicht, und wenn doch, weiß er es mit britischem Understatement zu verbergen. In London, wo am Samstag 40.000 Menschen gegen den Brexit demonstrierten, hat der 27 Jahre alte Barkeeper bereits zwei Jahre lang gelebt und in einem Hotel am Trafalgar Square gearbeitet. Er schätzt das Königreich. Das tadellose Auftreten bis hin zur akkurat gebundenen Krawatte hat er mit zurück nach Polen gebracht. Doch was seit dem Referendum auf der Insel vor sich geht, lässt ihn die Stirn runzeln. Über Facebook bekommt er vieles mit. Die Wut der Enttäuschten, die Anfeindungen von Ausländern.

          Viele Junge wählen nicht mehr

          „Der Brexit ist schlecht für uns“, sagt Piotrek, während er mit routinierten Handgriffen Gläser blank wischt. Das gelte nicht nur für Großbritannien, sondern auch für Polen. Einen Augenblick lang verschwindet das Verbindliche in Piotreks Mimik, seine Stimme klingt auf einmal hart. „Wir haben eine beschissene Regierung.“ Das sähen auch seine Freunde so.

          Mit einem Referendum, das den Austritt Polens aus der EU fordert, rechnet Piotrek zwar nicht. Auch wenn die integrationskritische, nationalistische PiS-Regierung gerade mit Großbritannien seinen wichtigsten Partner in der Union verliert. Aber er beobachte mit Sorge ähnliche Teilnahmslosigkeit unter Angehörigen seiner Generation, wie sie bei Gleichaltrigen in Großbritannien aufgetreten sei. Dort hatte nur jeder Dritte der unter 45-jährigen über den Brexit abgestimmt. „Ich kenne auch hier viele, die nicht mehr wählen gehen. Sie denken, dass ihre eigene Stimme ohnehin nicht zählt.“

          Mit seiner offenen, EU-freundlichen Haltung ist Piotrek nicht allein. Unter jungen, gut ausgebildeten Polen in der Warschauer Altstadt scheint die Haltung so mehrheitsfähig zu sein wie in der Londoner City. Aber was heißt das schon?

          Einige Tramstationen südlich reckt sich unweit des Hauptbahnhofs das Wahrzeichen der Stadt gen Himmel. Der Kulturpalast, ein Wolkenkratzer im Stile des sozialistischen Klassizismus, war den Polen als Zeichen stalinistischer Unterdrückung lange verhasst. Heute beherbergt er Kinos, Theater und Restaurants. Während im Park nebenan verliebte Paare turteln, kauert kurz nach Mitternacht eine Gruppe junger Polen auf den Stufen am Fuße des Prachtbaus.

          Den Brexit sehen die jungen Frauen und Männer hier unterschiedlich. „Für die Briten mag das gerade der richtige Schritt sein“, sagt die 19 Jahre alte Natalia, die tagsüber am Chopin-Flughafen der Stadt arbeitet. „Aber ich habe Angst, dass Europa auseinanderbricht und die EU zerfällt.“ Für einen Austritt Polens aus der EU spricht sich hier keiner aus. Aber die Stimmen anderer, die sich nicht zitieren lassen wollen, klingen kritischer. Sie versichern, dass Nationalismus unter jungen Bekannten von ihnen Konjunktur habe. Der Brexit gebe ihnen Auftrieb. Für Natalia eine schlimme Vorstellung. „Ich habe Freunde in Lublin, die wünschen sich die Monarchie zurück“, sagt sie, und blickt sorgenvoll zur hell erleuchteten Spitze des Kulturzentrums. „Diese Leute sind verrückt.“

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