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Johnsons Rückzug : Die Reißleine vor dem Abflug gezogen

Andrea Leadsom könnte eine Chance gegen Theresa May haben.

In den Vordergrund der Rede rückte sie ihren persönlichen Stil. Als Tochter eines Pfarrers und Enkelin eines Soldaten sei der Dienst an der Nation „Teil dessen, was ich bin“, erklärte sie. Sie sei nicht so „prahlerisch“ wie andere, würde sich nicht an Klatsch über Kollegen beteiligen und abends keine Westminister-Bars aufsuchen. „Ich kümmere mich lieber um den Job, der vor mir liegt“, sagte sie, und ihre Anhänger im Raum applaudierten.

Das Schicksal wiederholt sich

All dies war gegen einen Gegner gerichtet gewesen, der zu diesem Zeitpunkt schon entschieden hatte, dass er nicht antreten wird. Boris wäre nicht Boris, hätte er nicht selbst seinen dramatischen Rückzug als Schauspiel inszeniert. Verblüffend gut gelaunt betrat er den Saal und bedankte sich für den anhaltenden Beifall. Dann hob er zu einer Rede an, die den Ton des nächsten Regierungschefs erahnen zu lassen schien. Der Brexit sei „keine Krise, sondern ein Augenblick der Hoffnung und des Ehrgeizes für Britannien“, sagte er und beschwor die Idee eines „Kapitalismus, der fairer gegenüber den vergessenen Menschen ist“. Das Land müsse nun wieder groß in der Welt werden und seine progressiven Werte verbreiten. „Das ist die Agenda des nächsten Premierministers dieses Landes“, sagte Johnson und machte eine Kunstpause. „Aber ich muss Ihnen sagen, liebe Freunde, die Sie so getreu auf die Pointe dieser Rede warten, dass ich nach Beratungen mit Kollegen und im Blick auf die Lage im Parlament zu dem Ergebnis gekommen bin: Diese Person kann nicht ich sein.“

Seine Ähnlichkeit mit Russell Crowe wird Stephen Crabbs Chancen kaum verbessern.

In Boris Johnson hat sich das politische Schicksal von Favoriten in der Konservativen Partei wiederholt. Der vielleicht prominenteste Fall war Michael Heseltine, der Margaret Thatcher 1990 zu Fall gebracht hatte und als deren Nachfolger gesetzt war. Dann sammelten sich die Abgeordneten plötzlich hinter einem Mann, den kaum jemand auf der Rechnung gehabt hatte: John Major. Wer wird aus diesem Rennen als Sieger hervorgehen? Seit Donnerstag, zwölf Uhr mittags, gelten May und Gove als jene beiden Kandidaten, die den Weg auf die Wahlzettel für die Mitglieder finden werden. Aber die Dynamik in der Fraktion ist nach den Erschütterungen der vergangenen Tage unberechenbar geworden – und es gibt noch drei weitere Bewerber.

Die Chancen des früheren Verteidigungsminister Liam Fox dürften gesunken sein, seit mit Gove ein glühender Brexiteer in den Ring gestiegen ist. Das gilt auch für Andrea Leadsom, eine der Frontfrauen der Brexit-Kampagne. Leadsom, Staatssekretärin im Energieministerium, vertraut aber auf ihren Charme als Außenseiterin. Sie bringt Erfahrung von außerhalb der politischen Sphäre mit, arbeitete lange im Finanzdistrikt von London, hat – anders als May – Kinder aufgezogen und verbreitet einen ansteckenden Optimismus. Eine „wild card“ ist auch die Kandidatur des jungen, ehrgeizigen Arbeitsministers Stephen Crabb. Er wirbt mit seinem Hintergrund – Kindheit und Jugend in einer Sozialbausiedlung in Wales – und verspricht, die Partei stärker auf die soziale Frage auszurichten. Gegen ihn könnte sprechen, dass er mit beiden Beinen im Verliererlager der Remainers stand, was wohl nicht einmal seine Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Russell Crowe ausgleichen kann.

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