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Johnson gegen Corbyn : Kaum Fehler, aber auch keine Vorstöße

Boris Johnson (l.) gibt Jeremy Corbyn vor der Live-Übertragung die Hand. Bild: dpa

Vor der Wahl in Großbritannien sind Premierminister Johnson und sein Herausforderer Jeremy Corbyn im britischen Fernsehen aufeinandergetroffen. Doch den hohen Erwartungen der Vortage konnte das TV-Duell nicht standhalten.

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          Tagelang war darüber spekuliert worden, ob der etwas fade, fast festgefahrene Wahlkampf durch die erste Fernsehdebatte belebt, vielleicht sogar eine Wende erfahren würde. Es war nicht nur das erste Mal, dass Premierminister Boris Johnson und sein Herausforderer, Labour-Chef Jeremy Corbyn, „head to head” im Fernsehen aufeinander stießen – es war das erste Mal überhaupt, dass sich die Vorsitzenden der beiden größten Parteien zu einem „Duell” trafen. Die Vorsitzenden der Liberaldemokraten und der Schottischen Nationalisten waren darüber so erbost, dass sie vor Gericht zogen. Aber der High Court in London wies die Klage am Montag ab.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          An den Hoffnungen gemessen lässt sich die Ausbeute nur als enttäuschend beschreiben. Beide Politiker hatten sich minutiös vorbereitet und die Situation mit professionellen Beratern durchgespielt. Keinem unterlief am Dienstagabend ein Fehler, der in Erinnerung bleiben wird, und keiner wagte einen Vorstoß, der den Rest des Wahlkampfes prägen wird. Die Debatte war lebhaft, aber deutlich machte sie nur die unterschiedlichen Charaktere der beiden Spitzenkandidaten und deren Angriffslinien für die Wochen bis zum 12. Dezember.

          Labour-Chef Corbyn für zweites Referendum

          Johnson gebührt sportlicher Respekt dafür, wie oft er seinen Wahlslogan „Get Brexit done” platzieren konnte. Wie immer die Frage lautete – er brachte die drei Wörter unter. Der „Deal”, den er im September mit der EU erreicht hat, erweist sich als seine schärfste Waffe. Er kann glaubwürdig versprechen, dass er „dieser nationalen Misere” binnen weniger Wochen ein Ende bereiten wird, sollte seine Partei die absolute Mehrheit erreichen.

          Corbyns Position ist komplizierter, was Johnson lustvoll vorführte. Immer wieder fragte er den Labour-Chef, was er eigentlich wolle. Der verteidigte sein Konzept wacker, aber überzeugungsschwach. Die Labour-Party werde ein zweites Referendum ansetzen und dann dem Willen des Volkes gehorchen, sagte er. Keine Antwort hatte er auf die Frage, für welche Option er sich stark machen werde: für den neuen, noch auszuhandelnden „Labour-Deal” mit Brüssel oder für den Verbleib in der EU.

          Einen kleinen Schlag musste Johnson wegstecken, als er von der Moderatorin gefragt wurde, ob die „Wahrheit” in Wahlen etwas bedeute. „Ich glaube ja!”, sagte Johnson – und erntete Gelächter im Saal. Wenig später war es Corbyn, der ausgelacht wurde. Zuvor hatte er die Finanzierbarkeit der von ihm versprochenen Vier-Tage-Woche mit dem Argument verteidigt, dass unter einer Labour-Regierung die „Produktivität” der Wirtschaft steigen würde. Die beiden (Hohn-)Gelächter dokumentierten die jeweiligen Schwachstellen der Kandidaten: Johnson gilt vielen als Hallodri, Corbyn als Wirtschaftsschreck.

          Alles in allem illustrierte das Duell, warum Johnson in den Umfragen so deutlich in Führung liegt. Er wirkt vital und bietet den Briten eine glaubwürdige Erlösung vom Brexit-Trauma an. Mit Corbyn hingegen, der an diesem Abend einen blassen, manchmal missmutigen Eindruck machte, blickt das Land einer Verlängerung der Austrittsorgie entgegen.

          Der Wahlkampf ist für die Labour Party umso schwieriger geworden, als die Konservativen ihre traditionelle Sparpolitik aufgegeben haben. Jedem Investitionsversprechen Corbyns stellt Johnson ein eigenes Wahlgeschenk entgegen. Bei den Wählern muss sich so der Eindruck einstellen, dass sie von beiden Kandidaten Wohltaten erwarten dürfen – aber nur von einem die Auflösung der Brexit-Frage und damit die ersehnte Rückkehr zur Normalität.

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