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Großbritannien verlässt die EU : Kommt ein Steuerkrieg mit den Briten?

  • -Aktualisiert am

Profitiert der Finanzplatz Frankfurt?

Wenn es zu einem harten Brexit kommt, werden die Banken in der Londoner City den leichten Zugang zum Finanzmarkt auf dem Kontinent verlieren. Viele Jobs werden dann in die verbleibenden EU-Staaten wandern, vor allem in die Eurozone. Aber zu Frankfurt gibt es Alternativen. Für Dublin spricht zum Beispiel die englische Sprache, für Amsterdam die weltoffene Atmosphäre, für Paris die Funktion als Hauptstadt des zweitgrößten Landes in der verbliebenen EU. Es werden gewiss neue Jobs an den Main kommen. Ob es so viele sind, wie in der ersten Begeisterung erhofft, steht aber sehr in Frage.

Verlieren wir ein Tor zur Welt?

Wer bei den Briten nur auf harte Indikatoren schaut, auf die mauen Exportzahlen der heimischen Industrie oder auf das problematische Übergewicht der Finanzbranche, der unterschätzt die wahre Bedeutung des Vereinigten Königreichs. Sie liegt vor allem in Sprache und Geschichte begründet. Das frühere britische Kolonialreich hat Englisch zur Weltsprache gemacht. Das ist ein Vorteil, von dem Großbritannien auch nach dem Brexit zehren wird.

Nicht nur Investmentbanker, auch Spitzenforscher zieht es deshalb in das Land, das eine Handvoll hervorragender Hochschulen besitzt. Medien wie die BBC, die „Financial Times“ und der „Guardian“ richten sich an ein weltweites Publikum. Die Verbindungen zu den früheren Kolonien von Kanada bis Neuseeland sind noch immer eng. Das alles rückt für die EU jetzt weiter weg. Dafür herrscht in Brüssel bald in einem Punkt Chancengleichheit: Das Englische wird in den Gremien zu einer neutralen Sprache, weil es kaum noch Muttersprachler mit Startvorteil gibt.

Haben wir auf der Insel bald keine Rechte mehr?

Was der Brexit für den Status der EU-Bürger auf der Insel bedeutet und für die Rechte der Briten auf dem Festland, das ist jetzt Gegenstand der Verhandlungen. Für alle übrigen Rechtsbereiche gilt: Theoretisch tritt mit dem Brexit das gesamte EU-Recht in Großbritannien außer Kraft. Praktisch will das niemand, auch die britische Regierung nicht. Bei vielen Materien, die bisher überwiegend auf europäischer Ebene geregelt waren, bräche sonst Chaos aus – von der Agrarpolitik bis zum Datenschutz, von der Einwanderung bis zu den Sanktionen gegenüber Russland.

Schließlich umfasst der „gemeinsame Besitzstand“ an europäischen Vorschriften mehr als 100.000 Seiten. Deshalb muss das britische Parlament nun sämtliche Regeln in britisches Recht überführen. In ihrer Brexit-Rede vom Januar tat Premierministerin May noch so, als sei das mit einer einzigen Abstimmung zu erledigen. Der Thinktank „Institute for Government“ gab hingegen kürzlich bekannt, er halte mindestens 15 separate Gesetzgebungsverfahren für nötig. Sie könnten das Parlament jahrelang lahmlegen.

Sprengt der Brexit das Vereinigte Königreich?

Mehrheiten für den Brexit gab es in England und Wales, nicht aber in Schottland, Nordirland und London. Die schottische Premierministerin hat schon angekündigt, dass sie im Falle eines Brexits in ihrem Land über die Unabhängigkeit abstimmen lassen will. Das ist zwar rechtlich schwierig, weil das britische Parlament einem bindenden Referendum zustimmen müsste.

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