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Nach der Brexit-Entscheidung : Die Insel bebt

Mach’s gut, Großbritannien: Aber wie die Zukunft der britischen Inseln aussieht, weiß im Moment niemand Bild: AFP

Chaostage auf den britischen Inseln: Die politische Führungsspitze ist abgetaucht, die Übriggebliebenen sind ratlos, und von vielen Versprechungen vor dem Referendum will niemand mehr etwas wissen. Ein Land in Agonie.

          Gegen Mitternacht rief Hilary Benn, der Schattenaußenminister der Labour Party, seinen Parteichef an. Er habe kein Vertrauen mehr in dessen Führungskraft, sagte er Jeremy Corbyn. Dem blieb nichts anderes übrig, als Benn von seinem Posten abzusetzen, was eine Kettenreaktion auslöste. Am Sonntagmorgen trat Heidi Alexander zurück; sie vertrat mit der Gesundheitspolitik ein Schlüsselressort der Partei. Weitere folgten. Am Nachmittag fehlte Corbyn fast die Hälfte seines Schattenkabinetts.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es passt in diese Zeit des britischen Chaos, dass Corbyn sich ziemlich unbeeindruckt zeigte. Wer zurücktrete, werde ersetzt, ließ er mitteilen. Und wenn ihn die Fraktion in dieser Woche aus dem Amt putschen wolle, werde er eben bei der nächsten Urwahl wieder antreten. An der Basis zirkulierte zur selben Zeit eine Petition, in der 170.000 User dem Parteichef das Vertrauen aussprachen. Was so etwas in Zeiten der digitalen Parteiendemokratie Wert ist, weiß niemand, aber es spricht dafür, dass Corbyn in der Partei noch nicht gefährlich an Zustimmung eingebüßt hat.

          Drei Tage nach dem Referendum ist so gut wie nichts mehr an seinem ordentlichen Platz im Vereinigten Königreich. Die durch Führungsstreitigkeiten gelähmte Opposition dürfte den Briten noch die geringste Sorge bereiten. In einem besorgniserregenden Zustand präsentiert sich die Regierung, die nun gefragter wäre als je zuvor in den vergangenen sechs Jahren. Seit seiner Rücktrittsankündigung am Freitagmorgen hat sich Premierminister David Cameron nicht mehr zu Wort gemeldet. Nur sehen konnte man ihn am Wochenende, in Cleethorpes, North West Lincolnshire, auf dem „Armed Forces Day“, wo er sichtlich angeschlagen auf einem Stuhl saß und dem General neben ihm auffällig abwesend zuhörte.

          Völlig abgetaucht ist Schatzkanzler George Osborne, Camerons engster Verbündeter und zweitwichtigster Mann der Regierung. Eine Zeitung fragte am Sonntag in großen Buchstaben, wo er eigentlich sei. Die gleiche Frage richtet sich erstaunlicherweise an jene Tories, die das Land aus der EU geführt haben und von denen die Briten jetzt gerne wüssten, wohin die Reise geht. Boris Johnson und Michael Gove, die das Brexit-Lager anführten und womöglich den Kern der nächsten Regierung stellen, hatten einen Auftritt am Freitagmittag – seitdem sind sie verschwunden. Johnson, zeigten Fotos, spielte am Samstag eine Partie Cricket.

          Niemand scheint recht zu wissen, was zu tun ist

          „First things first“, heißt eine englische Redewendung, aber was ist jetzt als erstes zu tun? Die Konservativen scheinen sich auf die innerparteiliche Machtfrage zu konzentrieren und haben sich zum Kungeln zurückgezogen. Cameron hat angekündigt, bis zum Herbst im Amt zu bleiben. Anfang Oktober hält die Partei ihre jährliche Konferenz ab, diesmal in Birmingham, und dort soll der neue Parteichef gekürt werden. Zuvor muss die Fraktion die beiden Kandidaten benennen, über die dann die Parteimitglieder per Briefwahl abstimmen dürfen. So ist das langwierige Procedere – aber lässt sich dies in Zeiten wie diesen einhalten? Der Druck aus der EU, schon vor der Wahl eines neuen Premierministers die Austrittsverhandlungen aufzunehmen, ist etwas gesunken, seit Angela Merkel signalisiert hat, dass es in niemandes Interesse sei, die Dinge überhastet anzugehen. Die Forderung nach Eile, die einige EU-Außenminister, darunter der deutsche, und Vertreter in Brüssel am Samstag gestellt haben, kam in London als unangemessen bellizistisch an – nicht nur bei den „Brexiteers“, auch bei denen, die grundsätzlich Verständnis für die Gefühlslage auf dem Kontinent haben.

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