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Mord an Jo Cox : Vereint im Verlust

Letzte Ehrenbezeugungen: Vor dem Westminster Palace legen Menschen Blumen für Jo Cox nieder. Bild: AFP

Die Ermordung der Abgeordneten Jo Cox hat Großbritannien aus dem harten Wahlkampf des EU-Referendums gerissen. Das Land hält inne und zollt der Toten Respekt.

          8 Min.

          Die Union Jacks über Buckingham Palace und Downing Street 10 hängen auf Halbmast. Auf dem Parliament Square legen Abgeordnete Blumen nieder. In den Straßen Londons und des Landes ruht der Wahlkampf. In allen Lagern herrscht Einigkeit, dass nach dem Attentat auf die Labour-Abgeordnete Jo Cox nicht weitergemacht werden kann wie bisher, nicht sofort jedenfalls. Inmitten dieses ungewöhnlich langen und harten Wahlkampf um das EU-Referendum, der an diesem Wochenende in den Endspurt gehen sollte, erlebt Großbritannien einen Augenblick des Innehaltens, der Gemeinschaft, ja der Versöhnung.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es war ein typisch verregneter Junitag in einem beschaulichen Nest in West Yorkshire, der dieser Volksabstimmung einen Stempel aufdrückte, dessen Prägekraft noch gar nicht recht ablesbar ist. Helen Joanne Cox, die alle nur „Jo“ nannten, machte sich auf den Weg zu ihrer Bürgersprechstunde, die an diesem Donnerstag in Birstall stattfinden sollte, einem Ort mit einem kleinen Marktplatz, nicht allzuweit von Leeds entfernt. Birstall gehört zum weitläufigen Wahlkreis Batley and Spen, den die junge Frau im vergangenen Jahr für die Labour Party gewann.

          „Donnerstag, 16. Juni – 13 bis 14 Uhr, Birstall Library and Information Centre, Marketstreet, Birstall WF17 9EN“ – der tragische Allerweltstermin ist noch immer auf ihrer Homepage vermerkt. Neben dem Eintrag konnte jeder, der sich dafür interessierte, eine Wegbeschreibung zum Veranstaltungsort aufrufen. Vermutlich war der Mann mit der Baseballkappe aber mit dem Ort vertraut gewesen und hatte den papiernen Aushang in der Stadtbibliothek gelesen – jedenfalls fing er Jo Cox pünktlich ab, um kurz vor eins, als sie gerade das Gebäude betreten wollte. Als die kleine, zierliche Frau die ersten Stufen nahm, stürzte er sich wie eine Bestie auf sie.

          Details zum Tathergang

          Noch hat die Polizei von West Yorkshire den Tathergang nicht bestätigt, aber legt man die leicht variierenden Aussagen der glaubwürdigen Zeugen übereinander, verdichten sich die Überschneidungen zu Minuten des Grauens. Zunächst riss der Attentäter sein Opfer zu Boden, schlug und trat es. Als Passanten zur Hilfe eilten, zog er ein langes Messer und hielt sie auf Abstand – einen älteren Mann verletzte er dabei. Dann stach er auf Jo Cox ein, um am Ende eine, wie Zeugen sagen, „antike“ oder „handgemachte“ Pistole hervorzukramen. Mit dieser gab er aus nächster Nähe drei Schüsse auf die blutüberströmte Frau ab. Er zielte auf ihr Gesicht.

          Die Polizei hatte keine große Mühe, den Mann festzunehmen. Er hatte sich ohne Eile nur wenige Meter vom Tatort entfernt, als ihn die Polizei zu Boden warf und Handschellen anlegte – ein Foto dokumentiert den Moment. Es gab keinen Zweifel, dass er der Täter, der einzige Täter, war. Über die Identität des Mannes verriet die Polizei nicht mehr als sein Alter: 52 Jahre. Den Rest fanden Reporter heraus. Der Mann heißt Thomas Mair und wohnt seit Kindertagen in Birstall, in einem Reihenhäuschen, das dem Sozialamt gehört. Seit dem Tod seiner Großmutter vor zwanzig Jahren lebt er dort allein. Nachbarn beschreiben ihn als unauffällig und wenig gesellig. Nie empfange er Freunde oder Gäste im Haus. Dafür soll er ein enges Verhältnis zu seiner Mutter haben, die in einem Nachbarort lebt und täglich von ihm versorgt wird. Ein Nachbar bezeichnet Mair als einen „Bücherverschlinger“, den es fast täglich in die Stadtbibliothek von Birstall gezogen habe. Als er am Donnerstagmittag sein Haus verlassen hatte, habe er ausgesehen wie immer – nur der Rucksack auf seinem Rücken war neu.

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