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Gespräch mit Mervyn King : „Der Brexit bietet Chancen für alle“

Das wäre das Ende des Euros.

Ja, aber ökonomisch betrachtet ist es der Weg, der am wenigsten Kosten verursacht. Ich gestehe aber zu: Die Deutschen stehen vor einer schrecklichen Wahl, die ich nicht treffen wollen würde.

Und was, wenn die Deutschen die Augen davor verschließen und einfach so weitermachen wie bisher?

Das würde bedeuten, dass man sich darauf verlässt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihren niedrigen Zinsen die Sache schon richten wird. Aber das kann sie nicht, weil sie vor einer fast unlösbaren Aufgabe steht. Eigentlich soll sie sich nur um die Inflation kümmern. Doch in Wahrheit liegt es zurzeit an ihr, den Euroraum zusammenzuhalten, indem sie insbesondere die Zinsen für die hochverschuldeten Länder Südeuropas niedrig hält. Dabei kommt mir immer ein Bild in den Sinn. Es gibt doch diese Hochseilartisten, die auf einem Seil zwischen zwei Häusern balancieren. Das gelingt diesen Leuten, weil der Weg meist kurz ist. Im Falle der EZB ist die rettende Seite aber einfach nicht zu sehen.

Viele rechnen damit, dass die EZB bald mit dem Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik beginnen wird.

Auch wenn die offizielle Rhetorik eine andere sein mag: Ich glaube das nicht. Die EZB kann nicht im mindesten ein Interesse daran haben, dass womöglich Länder wie Italien die Zinsen für ihre Anleihen nicht mehr zahlen können.

Sie gehörten bei Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 zu den Befürwortern einer lockeren Geldpolitik. Was hat sich heute geändert?

Damals stand das Bankensystem vor dem Zusammenbruch und die Welt am Rande einer Rezession. Wir mussten handeln. Niemals aber hätte ich gedacht, dass sich die Geldpolitik noch zehn Jahre danach im Ausnahmezustand befinden würde.

Ängstigt Sie das?

Es beunruhigt mich, weil es zeigt: Geldpolitik ist nicht die Antwort auf die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Welt. Kurzfristig kann Geldpolitik durchaus ein Instrument sein, um Verwerfungen zu verringern. Aber sie allein kann die Welt nicht ins Gleichgewicht bringen.

Viel wäre gewonnen, wenn zumindest das Finanzsystem wieder ins Lot käme. Besteht hier Hoffnung?

Die traurige Wahrheit ist: Gerade in Europa gibt es viele Banken, die die Krise von 2008 noch immer nicht überwunden haben. In Amerika und England ist man da deutlich weiter, aber nicht im Euroraum. Das zeigt auch die Krise der spanischen Bank Banco Popular, die in der vergangenen Woche zutage trat.

Was könnte das Bankensystem stabilisieren?

Ich bin Anhänger der Idee, dass Banken in ruhigen Zeiten gezwungen werden sollten, eine Art Versicherungsprämie zu zahlen. Dazu sollten sie bei der Notenbank so viele Sicherheiten in Form von Wertpapieren hinterlegen, dass dadurch ein Großteil ihrer kurzfristigen Einlagen abgesichert würde. Darauf könnte man zurückgreifen, wenn eine Bank eine Krise erleidet.

Würde es nicht viel zu lange dauern, diese Sicherheiten aufzubauen?

Wir sind der Sache näher, als man vermuten könnte. Ein Nebeneffekt der Anleihekaufprogramme der Notenbanken ist, dass die Banken über sehr hohe Einlagen bei den Notenbanken verfügen. Das ist doch schon einmal ein Anfang.

Lord King, Sie kennen fast alle wichtigen Notenbanker der Gegenwart persönlich. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Es wäre unangemessen, da jemanden herauszuheben. Ben Bernanke, der frühere Chef der amerikanischen Notenbank, ist ein guter Freund, zu seinem Vorgänger Alan Greenspan hatte ich ebenfalls ein hervorragendes Verhältnis. Auch EZB-Präsident Mario Draghi kenne ich seit langem genauso wie seinen Vorgänger Jean-Claude Trichet. So ist das mit Notenbankern. Wir sind eine kleine, verschworene Gemeinschaft.

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